Die Wand

Eine metaphorische Beschreibung der Welt, in der ich lebe.

Zwischen mir und der Welt existiert eine Wand, die ich nicht zu durchbrechen vermag. Ich weiß, dass manch einer die Analogie des Grabens lieber hat. Ich empfinde mein soziales Scheitern aber weniger als fallen, sondern eher als gegen die Wand rennen. Fällt man in den Graben, ist man nach dem Scheitern bereits „tot“. Es ist einmalig. Endgültig. Es ist allerdings viel sinniger, zu sagen, dass das immer wieder erneute gegen die Wand rennen einen langsam „tötet“. Es sind viele kleine Versuche, die scheitern, nicht ein großer.

Am Anfang hole ich mir nur kleine Schrammen, doch da ich, ohne eine Diagnose, immer mehr Anlauf nahm, und immer schneller lief, um da nur endlich durchzukommen, wurden die Verletzungen auch immer größer. Immer gravierender. Und dann kam eines Tages der Moment, in dem die Verletzung so stark war, dass ich nicht mehr aufstehen konnte. Dann lag ich da und ich musste hoffen, dass irgendeiner mich findet und mir hilft. Aber ich war sogar in diesem Moment dazu gezwungen, irgendwie selbst aufzustehen und Hilfe zu holen. Weil einem nämlich nur geholfen wird, wenn man um Hilfe bittet. Und dann muss man auch noch an der richtigen Stelle um Hilfe bitten. Aber ich hatte wirklich keine Ahnung, wo ich mich in diesem desolaten Zustand hätte hinbewegen müssen. Das machte es wirklich schwierig.

Und ich kann verstehen, dass es viele Menschen gibt, die an diesem Punkt sterben, es eben nicht schaffen. Ich verstehe das. Ich hatte auch nur Glück, dass ich es noch so gerade eben geschafft habe, dem Tod von der Schippe zu springen. Ein Tag mehr, eine Last mehr oder der fehlende Gedanke zur Polizei zu gehen und ich wäre nicht mehr.

Die Wand ist nicht nur für mich da. Diese Wand spüren fast alle. Nur ist sie unterschiedlich dick. Demnach gibt sie bei manchen auch mal nach, bei anderen eben nicht. Und dann kommt es noch drauf an, wie viele Menschen auf deiner Seite der Wand stehen. Bei mir war das keiner. Nicht ein einziger. Meine Chancen waren also wirklich sehr schlecht.

Heute, da stehe ich immer noch alleine auf meiner Seite der Wand. Nein, nicht mehr ganz alleine! In einiger Entfernung stehen noch andere Menschen auf meiner Seite der Wand. Wir bewegen uns langsam aufeinander zu. Aber die beachtliche Mehrheit steht auf der anderen Seite. Und manchmal, da spüre ich sie noch. Lauf noch mal dagegen. Vergesse sie. Aber schon nicht mehr so fest. Es sind nicht viel mehr als ein paar Schrammen, die da zurück bleiben. Die heilen von selbst wieder. Denn ich weiß nun, ich bilde sie mir nicht ein, diese Wand. Sie ist da. Sie existiert und das wird sie immer. Und zwischendurch, da gibt es ein kleines Loch in der Wand und ich kann mal kurz durchschauen. Dann sehe ich sie, diese Menschenmasse auf der anderen Seite. Und ich bin beeindruckt.

Aber es ist nur ein kleines Zeitfenster und dann ist das Loch auch schon wieder zu. Geflickt worden. Die Sicht wird mir wieder verwehrt. Ich versuche die Wand zu akzeptieren. Es geht mir hier auf der anderen Seite doch gar nicht so schlecht. Es geht mir ganz gut, auch wenn es mir noch immer Angst macht. Ich kann versuchen das Beste daraus zu machen. Zwischendurch mal ein paar Menschen von meiner Seite treffen, und mich ansonsten eben beschäftigen. Vielleicht kann ich ja eines Tages sogar die Mauer einreißen. Wer weiß das schon?

Diesen Text schrieb ich am 04. November 2013. Zweieinhalb Jahre sind nun vergangen und ich möchte ein Resümee ziehen.

Noch viele Male bin ich gegen die Wand gelaufen. Mal sanfter, mal fester. Aber ich habe gelernt, die Menschen zu erkennen, die auf meiner Seite stehen. Und ich musste erkennen, dass das gar nicht so wenige sind. Es sind auch nicht viele, und wann immer ich Kontakt zu einem Menschen habe, zwischen dem und mir die Wand existiert, dann fühle ich sie noch immer, kann sie noch immer greifen, aber ich will nicht mehr hinüber. Ich bin gefestigt in mir und denen, die mir nahe sind und muss nicht mehr jeden erreichen. Ich kann sagen: Wie schön, dass du da bist. Bleib so wie du bist, du bist gut so wie du bist. Und ich kann das auch zu mir sagen.

Es gibt keine gute oder schlechte Seite. Es spielt keine Rolle, auf welcher Seite ich mich befinde. Es ist nicht wichtig, wie viele oder wie wenige um mich herum stehen, solange ich mir bewusst bin, dass ich selbst da bin. Das reicht. Ich kann mir vertrauen. Ich schaffe das. Ich finde Lösungen für meine Herausforderungen. Denn die Lösungen für meine Herausforderungen kann immer nur ich selbst für mich finden, niemand sonst. Ich kann mich nur inspirieren lassen. Und ich weiß heute, dass die Inspiration von der anderen Seite mir nicht gut tut, während ich gleichzeitig akzeptieren kann, dass ihre Ideen für die Menschen der anderen Seite gut sind. Es gibt kein richtig, kein falsch. Es gibt nur die Frage: Tut es mir gut?

Heute tu ich mir gut. Ich kann diese Frage mit Ja beantworten. Und das ist alles, was wichtig ist. Das habe ich geschafft. Stolzer könnte ich nicht sein. Dann lese ich diesen Text und verstehe: Diesmal habe ich es wohl wirklich geschafft. Ich laufe nicht mehr gegen die Wand und ich erhole mich ganz vortrefflich von all den Verletzungen, die mich dieses gegen die Wand gelaufe gekostet hat. Jetzt ist es nicht mehr lang.

Advertisements

4 responses to “Die Wand

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: