Das Ende I

Es geht etwas zu Ende für mich. Seit einigen Wochen spüre ich, dass sich da ein großer Wandel vollzieht und ich eine entscheidende Phase abschließe, während ich bereits mit der nächsten Phase begonnen habe. Noch ganz ist der Wandel nicht vollzogen, ich befinde mich gerade im Übergang. Nicht mehr richtig im Alten, noch nicht richtig im Neuen. Daher ein Résumé: Das Alte; 2 Jahre; Der Übergang; Das Neue!

Das Alte

Früher war ich sehr deprimiert. Ich war hilflos. Völlig allein. Niemand verstand mich und ich kämpfte gegen Windmühlen. Alles kostete mich so unglaublich viel Kraft. Ich war orientierungslos und ich wusste einfach nicht, wie ich mich selbst organisieren sollte. Scheinbar lernten das alle um mich herum und kamen wundervoll zurecht. Nur ich, ich konnte das nicht. Ich scheiterte permanent an allem, was ich kopierenderweise umzusetzen versuchte. Meistens war ich traurig. Warum durften alle Geborgenheit und Sicherheit erfahren, nur ich nicht?
Ich hielt mich für nicht liebenswert. Ich konnte es mir nicht anders erklären. Ich war allein und niemand half mir. Niemand interessierte sich. Niemand hatte ein Stückchen Verständnis für mich übrig. Gleichzeitig konnte ich auch kein Wort darüber sagen. Das war nur ein Gefühl, ich hatte keine Worte dazu. Worte. Die hatte ich eh nur sehr selten. Und immer wenn ich von außen gezwungen wurde, mich zu äußern, statt mich zu innern, versagte ich verzweifelt an meiner eigenen Unfähigkeit, die richtigen Worte zu finden, die hätten erklären können, welches Leid ich doch mit mir herumtrug. Also lief ich weg und fühlte mich unverstanden, missverstanden und unbeachtet. So kam ich zu dem Ergebnis, dass niemand sich für irgendwen interessierte.

Umso älter ich wurde, umso mehr Strukturen um mich herum weichten auf. Ich forderte viel Raum und brauchte doch so viel Halt. Es wäre das Gleichgewicht gewesen, das mir niemand geben konnte, weil das parallele Existieren von Raum und Struktur nicht denkbar war. Konkrete Anleitungen hätten mir geholfen. Mit mir zusammen erarbeitet. Ich wurde in die Welt gespült und dort versuchte ich nun verzweifelt nicht zu ertrinken. Und ertrank. Ein ums andere Mal. Und alles was ich hörte, war, ich strenge mich nicht genug an. Ich sei größenwahnsinnig. Ich hätte Realitätsverluste. Welche Realität denn überhaupt?
Die einzige, die ich kannte, war die Sicherheit, die mir die Physik gab. Klassische Mechanik hauptsächlich. Alles war fein säuberlich geordnet und folgte strengen Gesetzmäßigkeiten. Nichts unerwartetes geschah. Ich fühlte mich wohl in dieser Welt. Sie gab mir als einzige Geborgenheit und Sicherheit und zeigte mir, die Natur ist ohne den Faktor Mensch sehr beständig und man kann es sogar, ganz praktisch und einfach, mit einigen Formeln berechnen, die wiederum ebenfalls ganz einfachen Gesetzmäßigkeiten folgten.

So verkeilte ich mich in dieser Welt. Fühlte mich nur dort wohl. Menschen waren nur präsent, wenn sie anwesend waren. Ansonsten war ich ganz bei mir und meist auch ganz glücklich damit. Lange hielt ich die Anwesenheit einfach nicht aus, dann wurde ich wütend, aggressiv und wollte einfach nur wieder meine Ruhe. Je unverstandener und haltloser ich mich fühlte, umso mehr zog ich mich von Menschen zurück. Häufig rettete ich mich, indem ich Kurvendiskussionen machte. Manchmal auch nur im Kopf. Dafür hatte ich eine kleine Liebe entwickelt. Niemals kam eine tiefere Beziehung zustande, weil ich nie etwas von mir erzählte. Ich wagte es nicht.
Als Teenie hatte ich gelernt, dass ich eh nicht verstanden würde und ich mich eh nicht so ausdrücken konnte, wie die Menschen um mich herum es gebraucht hätten. Es war sinnlos, also hörte ich einfach auf. War allein mit mir. Wollte das aber gar nicht. Ich konnte niemals reden. Niemand kannte mich. Niemand wusste wie ich fühle, was ich denke.
Wenn ich sprach, dann immer nur über Musik oder Politik. Das konnte ich verständlich rüberbringen. Ich war immer schon sehr engagiert. Mir lag das Wohl der Menschheit immer sehr am Herzen. Auch wenn ich sie nicht mochte. Aber meine Mama hatte mich gelehrt, Mitgefühl zu haben. Und das hatte ich. Immer. Also, sofern ich es verstand. Was ich nicht verstand, stampfte ich mit Logik in Grund und Boden und verletzte meine Mitmenschen wohl damit. Wahrscheinlich häufiger als gedacht. Im Gegenzug litt ich still vor mich hin, weil auch alles was ich fühlte und nicht verstanden wurde, ebenfalls mit verquerer Logik, die für mich nicht den geringsten Sinn ergab, in den Boden gestampft wurde. Oder eben mit solchen Sätzen „geheilt“ wurde, wie: Stell dich nicht so an. Macht keiner gerne, musste dich halt mal zusammen reißen.

Ich war’s Leid, wollte es nicht mehr hören. Daher war schweigen die bessere Alternative. Aber so wurde das Leben auch nur immer unerträglicher. Und niemand half mir. Egal wie sehr ich nach Hilfe rief. Bei über 20 Therapeuten und Psychiatern war ich in dieser Zeit. Aber niemand hatte irgendwie in irgendeiner Form Verständnis für mich und meine Probleme. Ich fühlte mich nicht ernst genommen. Ich erschöpfte immer schneller. Immer größer wurde das Paket, das ich schleppte. Immer wichtiger wurde die Physik, die das letzte bisschen Halt für mich bot, in dieser chaotischen Welt, die mir so sinnlos erschien. Ich wollte sterben. Immer und immer wieder fragte ich mich, wie lange ich das hier wohl noch aushalten müsse. Und immer und immer wieder war die Antwort: Viel zu lange!

Das Physik-Studium begann und nun hoffte ich, alles würde besser werden. Doch auch in der neuen Stadt waren meine Bemühungen, eine Peer-Group zu finden, so erfolgreich, wie in der alten. Gut. Ich wusste nun, am Ort lag’s nicht. Doch als ich sogar unter den Physikern die Ausgestoßene, die Komische, die Seltsame war, da fing ich an mir echt Sorgen zu machen.
Die Abstürze wurden heftiger. Kamen schneller. Erwürgten mich. Ich wollte so gerne Anschluss. Doch ich bekam immer nur Burnout. Wieso nur? Wieso ich? Was habe ich getan? Was stimmt nicht mit mir? Was mache ich denn nur falsch?
Diese Frage wuchs stetig in mir, wie ein raumfordernder Prozess im Gehirn. Sie drückte alles beiseite. Sie erdrückte mich. Nichts ging mehr. Immer nur diese Frage. Meine Ausraster über meine Verzweiflung wurden heftiger. Ich fing an Teller zu werfen, oder auch mal einen ganzen Raum auf den Kopf zu stellen. Ich eskalierte und verlor zunehmend die Kontrolle, wurde immer abhängiger vom außen. Immer stärker. Ich verlor jegliches Vertrauen zu mir und meine „Freunde“ machten es nicht besser. Sie bestätigten bloß, dass ich das verschissene Problem sei. Eine Anomalie. Ohne Netzwerk in der Uni konnte ich kämpfen, so viel ich wollte. Ich ging unter und es kam, wie es kommen musste. Ich verlor alles. Ich verlor die Physik und mit ihr gleich alle Freunde, meinen Partner, meine Familie, meine finanzielle Sicherheit, schlußendlich fast meine Wohnung. Ich war auf die hohe See gespült worden und schwamm gegen das vollkommene Chaos.

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