Das Ende II

Es geht etwas zu Ende für mich. Ich spüre seit einigen Wochen, dass sich da ein großer Wandel vollzieht und ich eine entscheidende Phase abschließe, während ich bereits mit der nächsten Phase begonnen habe. Noch ganz ist der Wandel nicht vollzogen, aber ich befinde mich gerade an der Stelle, an der der DJ zwei Lieder zusammen mixt. Im Übergang. Nicht mehr richtig im Alten, noch nicht richtig im Neuen. Daher ein Résumé: Das Alte; 2 Jahre; Der Übergang; Das Neue!

2 Jahre

Vor zwei Jahren fing ich an, wieder vermehrt nach Hilfe zu suchen. Mir wurde zunehmend klar, dass ich so lange geschwiegen hatte, bis ich selbst nichts mehr von mir wusste. Ich war nur noch eine leere Hülle, die tagtäglich aufstand, arbeiten ging, nach Hause kam, sich betäubte und schlief. 6 Monate machte ich das, nachdem ich die Physik verloren hatte und damit alles verloren hatte, was mir Sicherheit und Geborgenheit war, was mir ein Lebensinhalt war, was mir Freude schenkte, Zuversicht und einen Sinn in meinem Leben.

3 Jahre hatte ich in diesem Studium mit allem gekämpft, was mir an Mitteln zur Verfügung stand und letztendlich musste ich einsehen, dass dies nicht reichte. Ich bin nicht ausreichend. Selbst unter den Physikern war ich die Ausgestoßene, die nirgendwo dazu passte. Ich war nur zu einem Drittel der asexuelle Supernerd. Zu weltgewandt war ich für sie. Ich gehörte aber auch nur zu einem Drittel zu den weltgewandten Metalnerds. Ein anderes Drittel von mir war zu sportlich, zu weiblich, zu männlich, zu freakig, zu verworren, zu unerklärlich. Ich passte nicht ins Bild. Ich passte nicht in die Gruppen, war einfach nicht genug Klischee. Aber ein Bachelor-Studiengang wie dieser ist nicht darauf ausgelegt, es allein zu bewältigen. Gruppenarbeit war gefragt, nur wollte mich keine Gruppe haben. Ich verstand absolut nicht wieso, es gab doch genügend Schnittpunkte. Aber anscheinend auch genügend Punkte, in denen ich ein zu großes Rätsel war. Die verwirrenden Strukturen der Uni, die Kommunikation mit den Kommilitonen und schlußendlich die frustrierende Arbeit in der Forschung, raubte mir jede Zuversicht, dass ich mich nur eine Weile zusammen reißen müsse und dann endlich tun könnte, was ich tun konnte. Ich war mit meinen Stärken nicht gefragt. Ich passte nicht ins Bild.

Währenddessen deprimierten mich meine Freunde, mit ihren Du musst dich nur mehr anstrengen-Phrasen. Sie wussten absolut nichts mehr mit mir anzufangen und schimpften zunehmend mit mir, dass ich doch gefälligst mal mehr über meine Gefühle sprechen solle. Ich antwortete mit, ich weiß nicht was Gefühle sind und mein erster und einziger Versuch, über meine Gefühle zu sprechen, wurde gnadenlos übergangen. Ich verstummte. Endgültig. Ich hielt mich zunehmend für eine Gefahr für die Gesellschaft. Ich versuchte immer zwanghafter fröhlich und freundlich zu sein. Ich hielt mich an alle Regeln, die ich kannte. Und zerbrach an ihnen. Es verging kein Tag, an dem ich nicht heulend zur Arbeit fuhr, auf der Arbeit um die Wette strahlte und auf der Heimreise wieder nur heulte. Tag für Tag.

Doch da war ja noch das Internet. Ich bin attraktiv. Viele Männer schrieben mich an, in den Dating-Portalen, in denen ich versuchte meinen Kummer, meine Einsamkeit zu ertränken. Und immer wieder traf ich hier und da einen, der mir ein bisschen weiter half. Sie wissen vielleicht gar nicht, dass sie mir immer wieder einen Schubs in die richtige Richtung gaben.

Dann, dann kam einer, der sagte mir, ich bin allein, werde das immer sein, und ich müsse mir selbst helfen. Niemand würde mir jemals helfen können. Tage später wachte ich auf. Es war ein Mittwoch. Ich hatte noch 3 Stunden bis ich los musste zur Arbeit und ich beschloss nicht mehr zu reden. Es fühlte sich an wie ein Beschluss. Es fühlte sich an, als wäre es meine Entscheidung. Doch als ich dann wollte ging es nicht. Ich kündigte mir selbst! Aber eigentlich, eigentlich wollte ich nicht mehr. Ich erkannte, dass ich jetzt, mit dem Mutismus an der Backe, Gefahr lief, nicht mehr für meine eigene Sicherheit sorgen zu können und beschloss, zur Polizei zu gehen und ihr das auch so mitzuteilen. Sie besorgten einen Krankenwagen und fuhren mich in die nächstgelegene Psychiatrie.

Da war ich nun. Wusste nicht, ob ich lachen oder heulen sollte. Nach drei Tagen sprach ich wieder. Und im ersten Gespräch machte meine erste Therapeutin eine Bemerkung, die sich mir einbrannte. Wie willst du ein Bild an die Wand hängen, wenn du nicht weißt, wie du einen Hammer benutzt? Ich kannte das Werkzeug. Diagnostik. Ich konnte das nicht selbst. Also brauchte ich jemanden, der mir dabei half. Ich wurde gefragt, was ich mir von meinem Aufenthalt wünsche und ich antwortete, ich möchte einfach nur wissen, was mit mir nicht stimmt. Warum ich so anders bin und warum nichts von allem bei mir funktioniert.

Gesagt, getan. Ich wurde zwei Monate beobachtet und meine Therapeutin eröffnete mir ihren Verdacht. Ich weiß inzwischen, an welchem Punkt sie es verstand. Es ergab sich, dass ich von meinen Mitpatienten „missbraucht und gedemütigt“ wurde. Mir war das gar nicht klar. Ich verstand das nicht mal im Ansatz. Sie fragte mich danach und sah wohl deutlich meine Verwirrung, weil ich die sozialen Konsequenzen von der Handlung, die Gefühle, die Intentionen und auch die Konsequenzen für mich selbst als Patient auf der Station, absolut nicht greifen konnte. Mir fiel nicht einmal auf, das es all das gab.

Einige Zeit später bekam ich es dann schwarz auf weiß. Autismus. Grmpf. Ich wusste nicht so recht. Ich hielt das eher für einen schlechten Scherz. Aber jetzt passierte etwas ganz spannendes. Zum ersten Mal gab es Worte! Ich sog alles auf und glich ab. Es fand sich immer mehr Bestätigung. Und ich beschäftigte mich sehr intensiv mit mir selbst. Fand heraus, wie ich funktionierte. Und nicht nur das, ich trat auch in Interaktion mit anderen Menschen und siehe da, auch daraus zog ich viel. Nachdem ich sagte, dass ich non-verbales nicht verstünde, dass ich aber auch nicht gekränkt sei wenn mir etwas direkt ins Gesicht gesagt würde, fand ich immer wieder, überall, einzelne Menschen, die mich betrachteten und sich auf das Spiel mit mir einließen. Zum allerersten Mal in meinem Leben erfuhr ich eine ehrliche Außenansicht auf mich als Person, ich erfuhr, was alles unterschiedlich war. Die Leute, die ich traf, gaben sich Mühe, mir auch von ihrem Leben zu berichten. Ich erfuhr so etwas wie Liebe und Geborgenheit. Ich wurde ernst genommen. Jemand interessierte sich für mich und auch ich fing an mich zunehmend für die Welt „da draußen“ zu interessieren. Es gibt nur wenige Menschen, die das konnten. Die meisten waren Mist, einfach nicht zu gebrauchen. Aber ich verurteilte das nicht, ich wusste, sie waren eben so, so wie ich eben einfach ich war.

Ein ganzes Jahr lang befasste ich mich mit mir, mit meinen Mitmenschen und war immer wieder kurz vor der Aufgabe. So häufig war ich noch nie gescheitert, aber ich gab letztendlich nicht auf. Das sah ich einfach nicht ein! Und so habe ich immer häufiger die Erfahrungen gemacht, die ich brauchte, um zu erkennen, dass meine Mitmenschen bei mir auch einfach an ihre Grenzen stießen, so wie ich an meine stieß. Und ein ums andre Mal ging es dann einfach nicht. Wege trennten sich wieder, aber trotz all dem Schmerz und all der Verwirrung, die das erzeugte, lernte ich langsam eine neue Sichtweise. Ich verstehe Menschen jetzt anders. Ich verstehe das Scheitern jetzt anders. Das war sehr anstrengend, die Perspektive zu wechseln. Es zu wissen und es auch verinnerlicht zu haben, das sind, wie ich schon schrieb, einfach zwei verschiedene paar Schuhe und es braucht Erfahrung, um etwas zu verinnerlichen. Aber, ich denke, das habe ich nun geschafft, fürs Erste. Die Reise ist ja nie zu Ende.
Ich verwandelte mich von einem hassenswerten Mädchen, das traurig und einsam ihr elendes Dasein fristete, zu einem liebenswerten Mädchen, dass ihre Kindheit nie verlor, einen besonderen Blick auf die Welt hat und ihre Mitmenschen einfach an Grenzen stößt, aber weil es ein liebenswertes Mädchen ist, gibt es Menschen, die diese Grenzen einfach akzeptieren, sie stehen lassen und es trotzdem lieb haben, auch wenn sie es nicht verstehen. Und das Mädchen kann das akzeptieren, denn es hat selbst Grenzen, über die sie nicht gehen kann. Trotzdem können beide Beteiligten in dieser Beziehung füreinander da sein, sich unterstützen und lieben, respektieren und zuhören und auch Verständnis aufbringen und eben helfen so gut es geht. Ich bin Teil einer Gemeinschaft geworden und den Platz habe ich mir mit allem erkämpft, was mir an Mitteln zur Verfügung stand! Ich habe nicht aufgegeben. Am Ende wurde ich für die sehr harte Arbeit belohnt!

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4 responses to “Das Ende II

  • moonshine00

    Ich wünsche dir alles alles Gute 🙂

  • Forscher

    Ein schöner, sich selbst reflektierender Text.

    Die Erlebnisse im Studium kann ich gut nachvollziehen, ich hatte auch Probleme, Anschluss bei Gruppenarbeit zu finden. Vertrat andere Ideale. In meinem Studium war ich der Einzige anfangs unter 50 Anfängern, die es wegen dem Hobby machten. Alle anderen kamen über das Schulfach dazu. Für sie war das Studium wie Arbeit, davor und danach sprach man nicht drüber. Ich lebte das Studium, saugte es auf, beschäftigte mich abseits der Vorlesungen mit der Materie (Meteorologie, wobei das Grundstudium eins der Physik war mit Nebenfach Meteorologie). Dadurch wurde ich zum Außenseiter, ich nervte die anderen damit, dass ich ständig übers Wetter reden wollte. Und fühlte mich vor den Kopf gestoßen, dass sie abweisend reagierten.

    Ohne gemeinsames Lernen und Arbeiten kommt man im Studium aber nicht weit, außer man ist ein Naturtalent. Aber das wird auch von Studienfach zu Studienfach etwas verschieden sein, die Hintergründe sind anders. Ich habe ein für mich selbst als sehr stark Ideologie geprägtes Studium absolviert, während es für die Mehrheit eben ein Studium war, ohne besondere Vorkenntnisse. Erst mit dem Wechsel an eine Uni, wo viel mehr Studenten zumindest einen triftigen Grund hatten, sich überhaupt mit Wetter zu beschäftigen (Segelflieger, Bergsteiger, …), änderte sich das etwas, aber ich war immer der Nerd, der sich da total reinsteigern konnte, und mehr machen wollte als er musste.

    Freue mich schon auf Teil III =)

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