Das Ende III

Es geht etwas zu Ende für mich. Ich spüre seit einigen Wochen, dass sich da ein großer Wandel vollzieht und ich eine entscheidende Phase abschließe, während ich bereits mit der nächsten Phase begonnen habe. Noch ganz ist der Wandel nicht vollzogen, aber ich befinde mich gerade an der Stelle, an der der DJ zwei Lieder zusammen mixt. Im Übergang. Nicht mehr richtig im Alten, noch nicht richtig im Neuen. Daher ein Résumé: Das Alte; 2 Jahre; Der Übergang; Das Neue!

Der Übergang

Jetzt ist es anders. Ich bin Teil einer Gemeinschaft und so viel Leid und Mühe, Kraft und Not habe ich erleiden müssen, um das zu schaffen. Aber die Belohnung dafür ist enorm! Ich erfahre Sicherheit und Geborgenheit, und das nicht nur in der Physik. Ich habe mich weiterentwickelt und statt der klassischen Mechanik, lebe ich nun die Quantenphysik.

Alles was mir Sicherheit, Beständigkeit und Geborgenheit geben kann, habe ich installiert. Ich habe Menschen um mich herum, zu denen der Kontakt gut funktioniert. Ich habe eine Wohnung, die fast fertig ist und in der alles seinen Platz hat. Das war sehr viel Arbeit und weil ich noch so depressiv war, ging die Arbeit in der Wohnung nur schlecht voran. Aber ein alter Freund sagte mir damals, dass die Wohnung mein innigster Rückzugsort ist. Wenn ich mich da nicht wohl fühle, dann kann ich mich nirgendwo mehr richtig wohl fühlen. Ich brauche ein Zuhause, das mir Ruhe, Kraft und Entspannung gibt, damit ich einen Ort habe, an dem ich regenerieren kann.
Ich bin noch nicht ganz fertig, die Küchennische fehlt noch. Aber nachdem ich letztes Jahr meinen damaligen Mitbewohner rauswarf und endlich die Wohnung ganz für mich alleine hatte, da habe ich angefangen, ganz langsam, einen Raum nach dem andren zu entrümpeln, zu tapezieren, in einer schönen und angenehmen Farbe zu streichen, den Raum nach meinen Wünschen einzurichten, an der Funktionalität auszurichten. Ich merkte, nachdem ich die ersten beiden Räume fertig hatte, dass Struktur und Ordnung in der Wohnung auch Struktur und Ordnung im Kopf produziert und somit Ruhe für mich bedeutet. Das ich vieles wegwarf, half dabei die Struktur zu halten. Was ich behielt, bekam einen festen Platz, so dass ich nicht lange überlegen muss, was ich mit dem Kram anstelle, wenn ich aufräumen will. Das allein hat den Prozess des Aufräumens, auch anhand des Notfallprotokolls erheblich beschleunigt und ich kriege so schnell Ruhe in meinen Kopf. Aber am wichtigsten ist, niemand Fremdes mehr macht sie unordentlich und ich lasse das auch nie wieder zu, weil ich nun weiß, welchen Wert das für mich hat. Welchen Wert diese Ordnung für mich hat, wie viel Kraft mir das gibt, in einer chaotischen Welt eine strukturierte und ordentliche Wohnung zu haben. Niemand andres ordnet auf dieselbe Weise an wie ich. Meine Ansprüche sind hoch. Lebe ich allein, zählt das nur für mich und ich beeinträchtige keine anderen damit.

Ich habe neue Werte gefunden, die mir Halt geben. Das Chaos ist deutlich geringer geworden. Dank der Diagnose und dem Kontakt zu anderen Autisten, habe ich Strategien gelernt und an mich angepasst, die mir Sicherheit geben. So komme ich mit dem Chaos, dass die Menschen und Dinge erzeugen, die nicht in meinem Kreis der Geborgenheit sind, viel besser zurecht. Denn in der Summe, da ist es weniger Chaos. Ich fühle mich zunehmend wohler. Ruhiger. Ich kann viel besser erkennen, was mich schlimm fertig macht und ich kann viel besser kommunizieren, was mich schlimm fertig macht. Da bin ich noch lange nicht am Ende angelangt, das habe ich vor einigen Tagen erst wieder gemerkt, wo erst der Hinweis einer lieben Freundin mir zeigte, was mich so durchwirrt sein ließ. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich darin besser werde, weil ich immer wieder neu reflektieren muss, es schriftlich festhalte und so zukünftig leicht abrufen kann. So kann ich es meinen Mitmenschen mitteilen. Und die Menschen um mich herum akzeptieren mich, lassen mich so, nehmen es mit einem Schulterzucken und sagen: Sie ist halt so, sie braucht das so, das ist in Ordnung so!

Nachdem ich kurz vor dem Ertrinken war und nicht wusste, wie ich überleben sollte, habe ich etwas Neues gefunden, an das ich mich klammern kann, wenn ich mal wieder ertrinke. Die Molekularbiologie, die Psychologie und die Quantenphysik. Meine neue Denkweise gefällt mir unheimlich gut und aus meiner neuen Perspektive heraus ist alles gar nicht so furchtbar. Ich habe gelernt, alles als das zu akzeptieren, was es ist und es ist auch gut so! Ich habe mir in der Psychiatrie, vor eineinhalb Jahren, ein neues, langfristiges Ziel gesetzt, denn meine damalige Therapeutin meinte, das brauchen wir einfach. Das bringt Ordnung ins Chaos und gibt Sicherheit. Gibt einen Weg!

Mein neues Ziel ist also, die Psychologie mit der Molekularbiologie zu verbinden und mit Denkstrukturen der Quantenphysik zu betrachten. Im letzten Jahr musste ich mich dann sehr zwingen, mich damit zu befassen. Es war mir dennoch immer eine Qual. Gerade am Anfang musste ich mich häufig zwingen, ein Fachbuch zu lesen. Es war mir zu anstrengend, mein Gehirn war, dank dem dauerhaften Stress, dem ich ausgesetzt war, kaum noch in der Lage, sich mit etwas so kompliziertem zu beschäftigen. Nun, kompliziert.
Ich fing mit der Anatomie der Zellen an, so kompliziert ist das nicht. Aber wenn dein Gehirn über Jahre hinweg unter Dauerbelastung steht, dann können die einfachsten Gedanken zur Mammutaufgabe werden. Phasen, in denen ich sehr motiviert war, wechselten sich mit Phasen ab, wo jedes Wort über Biologie mich fast zum kotzen brachte. Ähnlich war das auch bei der Strukturierung der Wohnung. Wochenlang strengte mich der bloße Gedanke daran, etwas zu tun, so sehr an, dass ich mich heulend unter die Decke verkroch. Oder mich heulend in die Dusche setzte. Oder bei jeder, mich in irgendeiner Art und Weise triggernden Filmszene, die eigentlich vollkommen harmlos war, manchmal sogar sehr fröhlich, heulend auf den Boden warf. Aber, ich ließ das zu. Ich akzeptierte, dass es mir so geht und ich ließ mir Zeit. Ich sammelte also Kraft. Jedes bisschen Kraft das ich sammeln konnte, sammelte ich. Und wenn ich merkte, ich habe jetzt genug zusammen, um eine weitere Aufgabe zu erfüllen, die mir dabei helfen sollte, diese Abstände zu verkürzen, habe ich sie einfach umgesetzt. Ohne Rücksicht auf Verluste, machte ich die Aufgabe bis zum Ende. Und brach dann unter Kraftlosigkeit zusammen. Ich gab nicht auf. Obwohl ich häufig von Suizidgedanken geplagt war. Doch ich machte mir bei jedem einzelnen Suizidgedanken, sobald ich ihn realisierte, klar, dass dies einzig und allein ein Zeichen der Erschöpfung ist. Ich will mich nicht umbringen, ich will Ruhe, ich brauche Pause, ich bin am Ende, ich kann einfach nur nicht mehr. Also legte ich die nächste Pause ein und begann wieder zu sammeln. Langsam wurde es wieder besser und ich erledigte die nächste Aufgabe. Las ein neues Kapitel in meinem Lehrbuch, sortierte meine Sockenschublade aus und brach wieder unter der Last zusammen. Suizidgedanken, dann die Realisierung, und wieder Kraft sammeln. Sehr tapfer hielt ich alles aus, was in mir geschah.

Langsam bekam das Lernen eine Bedeutung für mich. Langsam erkannte ich Parallelen zu mir, und konnte den gelernten Inhalt sinnvoll verknüpfen. Immer wieder konnte ich mir so neue Verknüpfungen erarbeiten. Jede Verknüpfung kostete viel Kraft, Mut und forderte eine Badewanne voll Tränen, die vor Erschöpfung aus mir heraus brachen. Es war alles andere als einfach. Doch mit jeder Verknüpfung wurde die Biologie, die Psychologie, die Quantenphysik, ein Teil von mir. Es fiel mir immer leichter, Verknüpfungen zu erstellen. Erkenntnisse aus dem gelesenen zu ziehen und mir mit dem neu angeeigneten Wissen in meiner eigenen Situation zu helfen. Je mehr Wissen ich anhäufte, umso mehr verstand ich mich, verstand ich die Welt, verstand ich meine Reaktionen, mein Leid, meine Freude. Es gab mir so viel Mut, zu wissen, dass auch Zellen kleine Lebewesen sind, die im Grunde dieselbe Anatomie aufweisen, wie ich. Und ich war fasziniert davon, wie schön und effizient doch eigentlich all diese Zellen, die meinen Körper darstellen, zusammen arbeiten und mir die Möglichkeiten verschaffen, die ich habe. Ich verstand, wozu mein Körper da ist. Verstand, was Glückseligkeit bedeutet. Ich wusste, dass ist es, was ich erreichen will. Nichts anderes! Inzwischen lese ich recht viel. Ich breche immer noch zusammen, aber häufig nur für eine Woche. Ich werde noch häufig zusammenbrechen. Ich bin noch nicht fertig. Aber ich habe etwas wichtiges gelernt. Vertrauen und Zuversicht. Denn ich ahne es nicht nur, es wird mir auch nicht höhnisch von anderen ins Gesicht gelacht, nein, ich weiß jetzt, dass nach dem Regen wieder die Sonne scheint und es auch wieder besser wird, egal, wie schlecht es mir auch in dem Moment erscheinen mag. Ich komme da wieder heraus.

Ich hatte eine Leidenschaft erschaffen. Ganz gezielt. Ich habe meine Perspektive geändert. Ganz gezielt. Ich habe Strukturen geschaffen. Ganz gezielt. Ich wollte an diesen Punkt kommen, an dem ich nun stehe und habe es geschafft. Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich bin. Das ist eine unfassbare Leistung, die ich da vollbracht habe. Angefangen damals, mit dem Rauswurf meines Mitbewohners. Und dann, Schritt für Schritt, in meinem Tempo, konnte ich immer ein Stückchen weiter gehen. Ich habe sehr viel Zeit gebraucht, aber ich bin dankbar, dass mir diese Zeit gegeben wurde. Ich bin zum ersten Mal der Gesellschaft dankbar dafür, dass sie für mich da war, mich aufgefangen hat, mich am Leben gehalten hat und mir die Möglichkeit gegeben hat, mich ganz in Ruhe wieder aufzurappeln. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich eine positive Erfahrung mit der Menschheit gemacht und ich musste stark an meiner Perspektive schrauben, um das verstehen zu können. Ich bin so dankbar, dass ich in Deutschland lebe und ich deswegen den Luxus dieser Strukturen, die mich auffingen, genießen durfte.
Ich weiß aber auch, dass ich sehr viel Glück hatte. Denn diese kompetenten Personen, denen ich im Laufe der letzten zwei Jahre begegnete, trifft nicht jeder. Es gehört mehr dazu, als sich an stützende Angebote zu wenden. Auch das weiß ich, weil ich über sehr viele Jahre hinweg häufig den Versuch machte, mich an diese Angebote zu wenden und gnadenlos zurückgewiesen wurde. Und ich finde es schrecklich, dass erst Therapeut Nummer 27 mir helfen konnte, weil sie auf den springenden Punkt kam. Ich sehe also, auch wenn ich glücklich bin, dass ich irgendwann endlich den richtigen Schlüssel in die Hand bekam und aus ganz vielen, auch unerwarteten, Ecken Hilfe bekam, dass es sehr lange dauert, endlich den zu finden, der helfen kann und ich befürchte, das ist für viele zu lang. Ich habe schließlich 11 Jahre kämpfen müssen und viele sind nicht stark genug, um das durchzuhalten, sie zerbrechen einfach an dieser Qual.

Ich habe jedenfalls immer daran geglaubt, dass ich werden könnte, was ich heute bin. Wieder ein glücklicher Mensch, mit Strukturen, mit Sicherheit, mit Geborgenheit, mit Freude, mit Ziel, mit Leidenschaft, mit Sinn und, last but not least, mit Menschen, die ich liebe und die mich lieben.

Jetzt geht es in die Zukunft!

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3 responses to “Das Ende III

  • marienkäfer

    Wow, ich bin ganz fasziniert und begeistert von dem, was du geschafft hast! Es lässt mich hoffen. Für mich und mein Leben.

  • Frau Anders

    Das klingt so großartig und toll was du geschaffen hast und ich denke du bist auf dem richtigen Weg. Ich freue mich eine Runde mit für dich.

  • Juliette Mariette Goutte

    Oh, was für ein toller Eintrag.
    Ich kann ihn vor allem sehr gut nachvollziehen, da ich im letzten Jahr selbst solch einen Wandel erlebt habe. Durch mein Studium bin ich endlich an einem Punkt angekommen, an dem ich glücklich bin und viele nette Menschen kennengelernt habe.
    Ich wünsche Dir alles Liebe für die Zukunft.
    Genieße das Glücklichsein.

    Juliette

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