Notfallprotokoll

Aus verschiedenen Gründen konnte ich meinen Haushalt nicht führen und es hat sich viel Arbeit angehäuft. Es fällt mir schwer, spontan einen Plan zur Beseitigung des Haushaltschaos zu entwerfen. Daher habe ich einen festen Plan aufgestellt, der ein möglichst niedrigschwelliges Angebot zum Wiedereinstieg liefern soll. Diese Technik, kann auf viele Probleme angewandt werden.

Meine Kapazitäten sind begrenzt
Ich habe nur eine bestimmte Kapazität an Energie und kognitiver Leistungsfähigkeit zur Verfügung. Jeder Mensch hat begrenzte Kapazitäten. Das Leben in einer neurotypischen Welt verbraucht allerdings Unmengen meiner Kapazitäten. Die Reizfilterschwäche, das intensive Erleben der eigenen und der fremden Emotionen, die zum Großteil nicht gleich erkannt werden können und die völlig fremde Logik, nach der andere Menschen handeln, verlangt von mir permanent eine extreme Rechenleistung ab. Ich bin den ganzen Tag damit beschäftigt, alles zu analysieren, zu erklären, zu verarbeiten und zu beurteilen, um dann damit weiter arbeiten zu können. Am Ende des Tages bleibt aber häufig dennoch nicht genug Energie übrig, um auch noch anderen Verpflichtungen, wie den Haushalt, nachkommen zu können. Ähnlich ist es bei einer Depression, in der die Kapazitäten noch einmal deutlich gemindert sind, weil die ergebnislose Problemlösung enorm viele Kapazitäten verbraucht.

Ich setzte falsche Prioritäten
Anstatt ausgeglichen mit meinen Kapazitäten umzugehen, habe ich alles in den Erhalt des äußeren Bildes gesteckt und nichts mehr für mich selbst übrig gelassen. Der Job hatte die höchste Priorität und schon ziemlich bald, nach dem Antritt eines Jobs, flossen all meine Kapazitäten nur noch in die Aufrechterhaltung meiner Jobmaske. Dabei brach natürlich meine eigene Basis vollkommen weg. Verantwortungsbewusst mit meinen Kapazitäten umgehen, dass konnte ich nicht, da ich nicht wusste, wie groß diese Kapazitäten sind. Ich maß mich an der restlichen Gesellschaft und verstand einfach nicht, wie sie das alles gleichzeitig schaffen konnten. Daher war der äußere Schein aber deutlich wichtiger, als mein Innen. Ich wollte mir nicht die Blöße geben. Keine Schwäche zeigen. Mir war auch nicht bewusst, dass ich ausgehöhlt die Maske nicht weiter tragen können werde. Mir wurde also klar, ich musste dafür Sorge tragen, dass meine Wohnung meine Höhle wurde, in der ich Energie tanke und mich sortiere.

Ich habe Schwierigkeiten mit den exekutiven Funktionen
Die Problematik mit der Kapazität und der falschen Prioritätensetzung ist aber noch nicht alles. Die Erstellung eines Plans, zur Beseitigung meines Problems, fällt mir besonders schwer. Für andere scheint es banal zu sein, doch ich muss genau darüber nachdenken, wann ich was tun muss, damit ich nichts vergesse. Aber auch der Gedanke der Effizienz ist wichtig für mich. Es tauchen Fragen auf, wie: Wo muss was hin? Nach welchem System möchte ich alles wieder einräumen? Möchte ich vielleicht ein neues, effizienteres System entwickeln? Womit fange ich dann an? Wie räume ich am effizientesten auf? In welcher Reihenfolge putze ich am effizientesten? Welches Putzmittel ist wofür am Besten? Welchen Lappen nehme ich wofür und wie erkenne ich den wieder? Diese Liste lässt sich schier ins Unendliche fortführen und viele Fragen lassen mich ratlos zurück. Ich weiß zwar was ich will, aber ich kann es einfach nicht greifen. Ein Problem, mit dem ich fast immer kämpfe. Etwas, was mich gut und gern für Tage, wenn nicht Wochen, quält und lähmt.

Am Ende bin ich zu kraftlos, der Druck ist zu hoch
Das alles kostet mich sehr viel Kraft und häufig muss ich auch noch nebenbei diverse Leistungen erbringen. The Show must go on! Am Ende bleibt kaum Kraft übrig, während der Berg an Arbeit unüberwindbar scheint. Egal, wie lange ich nachdenke, ich finde keinen Anfang, ich kann keine sinnvollen Teilabschnitte planen und verliere so auch immer wieder das Ziel aus den Augen. Diese enorme Fülle, an zu planenden und zu erledigenden Dingen, erzeugt daher einen unendlichen Druck, der mich zusätzlich lähmt und mich daran hindert, endlich zu handeln. Ich stehe wie der sprichwörtliche Ochs vor dem Berg und weiß nicht, wie ich dieses Hindernis überwinden kann. Ich bin verwirrt und alles erdrückt mich. Es ist zu viel und ich möchte einfach nur davon rennen. Ich halte das nicht aus.

Ein gut strukturierter Plan hilft und unterstützt
Um die Schwierigkeiten mit den exekutiven Funktionen in den Griff zu bekommen, hilft mir ein präziser Plan, an den ich mich halten kann. Somit beuge ich dem größten Teil des Bergs vor. Die wichtigsten Fragen sind geklärt und aufgelistet. Ich muss also in keinster Weise ernsthaft darüber nachdenken, wann ich was zu tun habe oder wie ich etwas tun muss. Ich habe einen genauen Plan, welche Aufgaben ich erledigen muss, wie häufig ich diese erledigen muss und benutze ein Whiteboard, um mich an meine Verpflichtungen zu erinnern. Ich achte sehr darauf, täglich nie mehr als 30 min „arbeiten“ zu müssen. Oft sogar weniger. Und ich habe es in meine Morgenroutine eingeflochten. Ich habe mir einen sinnvollen Auslöser gesetzt und verknüpfe diese Dinge derzeit miteinander.

Und doch wird es immer Einbrüche geben
Ich werde niemals verhindern können, dass es diese Einbrüche in der Aufrechterhaltung meines Haushalts geben wird. Ich kann einfach nie alle Stressfaktoren außerhalb meiner Wohnung mit Sicherheit voraussehen und so auch nicht entsprechende Entspannungsphasen mit einplanen. Ich benötige also einen niedrigschwelligen Wiedereinstieg, in meine gewohnte Liste, wenn ich einen solchen Einbruch erlebe. Das Gute an einer festen Liste ist, dass sie mir Ruhe gibt. Ich kann mich auf sie verlassen, sie wird sich nicht ändern und ich weiß, dass ich mit ihr in kurzer Zeit wieder einen Zustand erreichen kann, den ich als erträglich bezeichnen kann. Ich beuge damit vor allen Dingen dem Druck vor, dem schlechten Gewissen, dass sich schnell herausbildet. Ich nehme dem Ganzen, durch diese Liste, die Gewaltigkeit und lasse es zu einer Nebensächlichkeit werden. Ich ersetze das „Man“ durch ein „Ich“ und erlange so ein kleines Stückchen inneren Frieden!

Im Vorfeld musste ich Vorkehrungen treffen
Natürlich konnte ich nicht einfach loslegen. Was mich ebenfalls immer lähmt, was noch keine Erwähnung fand, dass sind die Gegenstände, die immer „herum fliegen“. Die einfach keinen eigenen, festen Platz haben und bei jedem Aufräumen ratlos von der einen Ecke in die andere geräumt werden. Diese Dinge müssen natürlich Plätze bekommen und das meiste davon, nun, das konnte ich wegwerfen, es waren sowieso eher negative, alte Erinnerungen, die ich in meinem neuen Leben nicht mehr haben wollte. Nachdem alles seinen festen Platz hatte, wurde das Aufräumen deutlich einfacher, denn ich musste nicht mehr überlegen, was ich mit diesem Gegenstand wohl anfangen will. Ich brauchte aber viel Zeit dafür und ich ließ sie mir auch! Vieles habe ich nicht weggeworfen, sondern erst mal in den Keller gepackt. Vieles ist auch noch gut, dass kommt in den Second Hand Handel. Nachhaltigkeit ist mir wichtig, auch ich besorge mir vieles aus dem Second Hand Handel. Dort findet man auch meist günstige Lösungen zur Ordnungsherstellung in den eigenen vier Wänden. Ich werde ansonsten aber auch noch eigene Projekte vorstellen, denn basteln kann auch oft helfen! Jedenfalls, alles hat nun seinen eigenen Platz und die Wohnung ist aufgeräumt und frei, in ihrem Grundzustand.

Die Liste des Wiedereinstiegs
putzroutine-notfall

Die Musik ist tatsächlich wichtig für mich, ich brauche Musik, die zur Bewegung animiert und den Hintern ein bisschen wackeln lässt. Das gibt mir Kraft und Energie, Motivation, um den Plan auch in die Tat umzusetzen. Es hilft mir, meine Trägheit zu überwinden und ich höre immer dieselbe Platte, wenn ich das Notfallprotokoll umsetze. Mein Körper weiß, sobald er diese Songs vernimmt, sofort, was er zu tun hat. Es macht die Sache wirklich einfacher!

Die Wohnung ist der Spiegel meines Geistes
Schlußendlich will ich sagen, dass ich nicht nur mein Außen durch mein Innen beeinflussen kann, sondern, dass ich auch bewusst mein Innen durch mein Außen beeinflussen kann. Wenn Chaos in meiner Wohnung herrscht, herrscht nicht selten auch ein enormes Chaos in meinem Kopf und räume ich die Wohnung auf, räume ich häufig parallel meinen Kopf mit auf. Das verschafft mir Erleichterung. Eine klare Sicht. Und dann bin ich wieder in der Lage, mich den Herausforderungen im Leben stellen zu können.
Nachdem ich so viele Jahre im schlimmsten, vorstellbaren Chaos lebte, weiß ich heute, wie wichtig das alles für mich ist. Ich weiß auch, welche Schwierigkeiten ich habe und wie ich mit diesen Schwierigkeiten umgehen kann. Das ist mir das wertvollste. Am Ende kann ich diese Technik auf alle wichtigen Bereiche anwenden, ganz gleich, wo mich diese Schwierigkeiten in den exekutiven Funktionen daran hindern, ein erfolgreiches Leben zu führen. Das Wissen darum schenkt mir viel Ruhe und nimmt mir viel Angst vor der Zukunft. Es gibt mir auch das Gefühl, dass ich selbstständig Probleme lösen kann und ich den Herausforderungen des täglichen Lebens gewachsen bin.

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