Schritt Eins

Am Ende meines Leidensweges stand die Hoffnung. Die Hoffnung ist immer das Ende vom Alten und der Anfang vom Neuen.

Hoffnung. Es war alles, was mir noch geblieben war. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Volksmund und ich habe in diesem Satz eine Wahrheit gefunden, die ich nur mit „mind-blowing“ zu beschreiben vermag. Denn:

Die Hoffnung muss sterben!

Die Hoffnung stirbt zu allerletzt. Sie ist der hartnäckigste Teil, den wir zu überwinden haben, um aufbrechen zu können, zu neuen Ufern. Sie ist der letzte Rest, der von einem Weltbild übrig blieb, das nicht zu uns passte. Ein Weltbild das langsam, aber stetig, zerbröckelte, weil es unrealistisch war. Sie ist der unerschütterliche Glaube an etwas, was wir längst als unmöglich erkannt haben und dennoch nicht wahr haben wollen. Sie ist ein Irrglaube der eigenen Ansprüche. Eine Illusion, der wir bis zur Unendlichkeit erlegen sind. Wir können nicht glauben, am Ende angelangt zu sein. Das kann nicht wahr sein. Es darf einfach nicht wahr sein.

Ich bouldere seit einigen Monaten. Bouldern ist klettern, aber ohne Sicherung, also nur sehr niedrig. Bin ich oben am letzten Stein angekommen, dann muss ich hinunter springen. Vielleicht drei Meter. Ich weiß genau, da liegt eine weiche Matte, die gut federt. Wenn ich beim Aufprall tief in die Knie gehe, dann kann ich meinem Körper keinen Schaden zufügen. Ich weiß es. Und dennoch hänge ich oft noch viele Sekunden am letzten Stein, muss mehrmals tief einatmen. Dann springe ich todesmutig hinunter. Jedes Mal.

Ich will sagen, auch wenn ich weiß, das unter mir ein weicher Boden auf mich wartet und ich noch genauer weiß, das mir absolut nichts passieren kann, weil ich wirklich, wirklich, wirklich sehr weich landen werde und auch das letzte Risiko durch Technik beseitigen kann, ich habe Angst vor dem Sprung.

Doch ich muss loslassen. Das meint dieses loslassen. Die Hoffnung loslassen. Sie gehen lassen. Ich muss den Mut aufbringen dazu. Ich muss tief durchatmen und all meinen Mut zusammen nehmen. Loszulassen ist eine Entscheidung. Wir fühlen uns, als hingen wir an dem letzten Stein und müssen uns fallen lassen. Aber das ist die Illusion der wir erlegen sind. Nicht wir hängen an dem Stein Hoffnung, es ist die Hoffnung, die an uns hängt und uns in die Tiefe zieht.

Wir hängen nicht an diesem Stein und müssen in die Tiefe springen, wenn wir uns von unserer Hoffnung trennen wollen. Die Hoffnung ist nicht das Ende eines langen Aufstiegs. Sie ist nicht unsere letzte Rettung. In Wirklichkeit ist es eher so, dass wir uns an das Ufer „Leben“ krallen, wir uns in dem Wasser „Verzweiflung“ befinden und die Hoffnung will uns langsam aber sicher unter die Wasseroberfläche ziehen. Wenn wir also die Hoffnung loslassen, treten wir die Hoffnung erst einmal kräftig.

Und es kommt noch schlimmer! Die Hoffnung ist so hartnäckig, sie beißt uns immer wieder ins Bein und reißt an uns. Wir müssen aktiv werden und die Hoffnung ertränken. Wir müssen uns dazu entscheiden, uns gegen unsere Hoffnung zu stellen. Immer wieder müssen wir sie mühselig unter Wasser drücken. Dabei ist sie unser einziger Freund, den wir haben. Die Hoffnung loszulassen, ist, als ertränken wir unseren einzigen und besten Freund. Den, den wir am besten kennen und der uns am besten kennt. Doch die Hoffnung ist ein falscher Freund. Immer wieder kommt sie nach oben an die Oberfläche und holt Luft. Immer wieder müssen wir sie hinunter drücken. Und mit der Zeit, je länger der Kampf dauert, umso schwächer wird die Hoffnung. Sie holt immer seltener Luft. Es braucht immer weniger Kraft, sie runter zu drücken.

Irgendwann stirbt sie und sinkt hinab, auf den dunklen Grund des Sees. Dann kommen wir endlich aus dem Wasser heraus und können wieder das Land betreten. Können endlich trocknen und das neue Land erkunden.

Das alles sind Metaphern, die gerne benutzt werden, wenn Menschen ihre Gefühle in diesen Situationen beschreiben. Das Gefühl zu ertrinken, das Gefühl ins Bodenlose zu fallen.

Erst wenn die Hoffnung tot ist, kann das Neue beginnen. Kann das Alte aufhören. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Sie ist der letzte Punkt einer endlosen Kette an gescheiterten Erlebnissen, die nur scheiterten, weil wir von vorn herein für das für uns Falsche kämpften. Den wir überwinden müssen, um aufbrechen zu können. Das war mein erster Schritt. Mein erster Schritt auf meinem neuen Weg.

Todesmutig habe ich die Hoffnung losgelassen. Habe sie getreten und geschlagen. Immer wieder. Habe sie unter Wasser gedrückt. Jetzt kommt sie ab und an mal hoch, aber es ist relativ leicht, sie erneut unter Wasser zu drücken. Die schlimmste Phase habe ich hinter mir. Schritt Zwei kann kommen!

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6 responses to “Schritt Eins

  • Peter

    Ein schöner Post, ich kann gut nachvollziehen was du schreibst! Ich wollte lange die Hoffnung auf ein „normales“ Leben nicht loslassen, habe immer gedacht es müsste doch noch irgendwie gehen. Jedes Mal hat sich die Hoffnung an meinen kleinen „Schein-Erfolgen“ hochgezogen um mir im nächsten Moment einen Schlag ins Gesicht zu verpassen. Seit zwei Jahren ungefähr habe ich akzeptiert, dass mein so-sein genetisch festgelegt ist und ich niemals so sein kann wie die anderen. Dass ich es immer schwer haben werde, soziale Kontakte zu knüpfen, dass ich die Spielregeln der anderen nie ganz verstehen werde. Das macht vieles einfacher und entspannter und ich habe endlich nicht mehr das Gefühl „kaputt“ zu sein, mich reparieren zu müssen. Aber es ist ein langer Prozess und manchmal zieht es mich wieder runter. Dann muss ich mich wieder an das erinnern, was ich eigentlich gelernt haben sollte. Es scheint, als ob man etwas immer und immer wieder erneut lernen muss, bis es die Psyche endlich kapiert. Aber das ist es mir wert.

    • BloOsPlanet

      Genau das meinte ich damit. Jeder hat irgendetwas in der Art. Auch bei mir war es der Wunsch ein normales, gesellschaftlich konformes Leben zu leben. Mich an diesem Maßstab zu messen und immer wieder scheiterte ich daran. Es endete in einer Art Besessenheit, die mir alles andere als gut tat.
      Aber so leicht lässt sich die Hoffnung eben nicht ertränken, sie kommt immer mal wieder. Irgendwann geht sie aber wirklich.

  • Peter

    Ja, ich glaube sie geht in dem Moment, in dem man sich dem Wert seines so-seins vollkommen bewusst ist und nichts erstrebenswertes mehr daran findet, wie die andern zu sein. Und das passiert denke ich in dem Moment, in dem man entweder Menschen gefunden hat, die das eigene so-sein akzeptieren oder einen sogar gerade dafür lieben. Oder indem man sich ganz und gar von dem Bedürfnis nach Anerkennung durch andere befreit (was wohl kaum jemandem gelingt).
    Bei mir ist es so, dass sehr früh konditioniert wurde, dass ich nicht ich selbst sein darf. Deshalb habe ich gelernt, mich zu verstecken und genau zu beobachten, was andere tun und es ihnen nachzumachen. Deshalb bin ich sehr gut darin geworden, mich in andere hineinzuversetzen. Es war auch wie eine Besessenheit, ich hab so ziemlich alles versucht um mich anzupassen. Aber zum Glück habe ich Menschen kennengelernt, denen ich mich so zeigen kann, wie ich bin. Und ich merke immer wieder, dass die richtigen Leute zu einem kommen, wenn man sich nicht verstellt, auch wenn es nur wenige sind. Aber auf die meisten anderen kann man dann eh verzichten. 😉

  • Frau Anders

    Ich mag deinen Text sooo sehr und muss ihn immer und immer wieder lesen, weil er auch bei mir derzeit so gut paßt. Auch ich trete derweil gegen meinen einzigen Freund und angeblichen Halt um ihn endlich zu ertränken. Es ist saumäßig schwer all das loszulassen, ich weiß auch nicht was am Ufer ist aber ich will dahin und ich weiß daß es der richtige Weg ist.

  • Ismael Kluever

    Wie definierst du „Hoffnung“?

    • BloOsPlanet

      Hoffnung ist das, was uns daran glauben lässt, uns zuversichtlich sein lässt, das eintritt, was wir uns wünschen.
      In etwa so.

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