Schritt Zwei

Es ist nicht meine Schuld. Ich bin ein liebenswerter, freundlicher, intelligenter, hübscher und gewissenhafter Mensch. Egal was mir passierte, es passierte nicht wegen mir. Ich trage keine Schuld daran. Die Menschen sind grausam, aber auch sie sind nur Opfer ihrer Eltern, Lehrer, Mitschüler, Freunde. Sie können das nicht verarbeiten und einmal Erlerntes kaum mehr verändern. Es war nicht gegen mich gerichtet, sondern entstand aus der eigenen Verletzung heraus. Und daraus ergibt sich eine zwingende Notwendigkeit:

Ich muss meinen Mitmenschen und mir selbst vergeben und es vergessen.

Elendig weinend habe ich im Bett meines großen Bruders gelegen, Tage nachdem ich die Hoffnung ziehen ließ. Ich fühlte einen Schmerz der mich innerlich so dermaßen zerriß. Es riß mich in zwei Hälften, in zwei Extreme, die sich in mir darum stritten, wie ich mit diesem Schmerz nun umgehen soll. Die eine schrie nach Hass, Vergeltung und Isolation, die andere schrie aber, aber und aber. Ich weinte und weinte und wiederholte immer wieder: Es ist nicht meine Schuld. Ich kann nichts dafür! Es ist nicht meine Schuld! Ich bin ein liebenswerter Mensch! Ich trage keine Schuld daran!

Denn: Ich habe wirklich keine Schuld daran. Ich musste aufhören mir für alles, was mir geschah, die Schuld zuzuschreiben. Die Schuld lag nicht bei mir. Ich hatte mich geweigert, denjenigen die Schuld zu geben, die sie trugen, weil ich Angst davor hatte, zu verhärten, zu verbittern. Ich gab sie lieber mir und wurde so zum Opfer.

Über ein ganzes Jahr hinweg habe ich die gleiche Erfahrung nochmal und nochmal gemacht. Es war, als erinnerte mich mein Unterbewusstsein immer wieder daran, dass ich da noch eine offene Rechnung hatte, um die ich mich noch nicht gekümmert habe. Ich hätte mir vieles ersparen können. Ich war nur einfach noch nicht so weit. Verstanden habe ich es auch nicht. Einstein hat angeblich einmal gesagt:

Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen

und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.

Ich habe, da ich nicht an mir gearbeitet habe, alles beim Alten gelassen. In jeder neuen Bekanntschaft, die ich einging, ließ ich alles beim Alten und erwartete, dass es diesmal endlich klappen würde. Es klappte natürlich nicht. Ich musste etwas ändern. Ich musste etwas tun. Ich habe keine Schuld daran. Jemand anderes trägt die Schuld daran. Das musste ich mir endlich eingestehen. Aber Buddha wird ein anderes Zitat zugeschrieben:

An Ärger festzuhalten, ist, wie Gift zu trinken und zu

erwarten, dass der Andere dadurch stirbt.

Meine Wut also von mir weg zu lenken und auf den Schuldigen zu lenken, wäre auch nicht zielführend gewesen. Es blieb nur ein Weg. Vergebung!

Es ist nicht meine Schuld, ich bin wundervoll, so wie ich bin. Ich bin ein ganz wundervoller Mensch und ich darf mich lieben. Ich habe furchtbar viele positive Eigenschaften. Ich habe schrecklich viele Talente, mit denen ich ganz viel anfangen kann. Ich bin das nicht schuld. Ich habe einfach nur sehr viel Pech gehabt in meinem Leben. Den Schuldigen muss ich nun vergeben. Gar keine so leichte Aufgabe! Eine richtig schwierige Aufgabe sogar.

Der Volksmund sagt auch:

Vergebung ist Göttlich!

Bei diesem Satz musste ich erst einmal über das Göttliche in uns nachdenken. Das wäre vor Jahren noch undenkbar gewesen, weil mir das religiöse Weltbild nicht lag und ich es viel zu wörtlich nahm. Gott gab uns die Freiheit. Das meint, Gott gab uns die Fähigkeit, eine freie Entscheidung treffen zu können. Abseits der Emotionen. Das unterscheidet uns von den Tieren. Das ist das Göttliche, was wir alle in uns tragen. Die Fähigkeit, eine freie Entscheidung treffen zu können. Wir alle besitzen diese Fähigkeit. Wir alle können sie benutzen! Wenn nun die Vergebung göttlich ist, bedeutet das also, dass die Vergebung eine freie Entscheidung ist! Wie schön!

Und so sitze ich hier schon seit zwei Tagen, auf meiner Couch, und atme immer und immer wieder tief durch. Immer wieder. Ich habe mich schon fast dazu entschieden, aber es fällt mir so schrecklich schwer. Fast! Ich bin ganz kurz davor! Ich kann das spüren. Und immer wenn ich nur noch ein Haar breit davon entfernt bin, mich dazu zu entscheiden, bricht es wieder los in mir. Alles ist unfair, Männer sind alle scheiße, Frauen sind alle scheiße, Kinder sind alle scheiße, Lehrer sind alle scheiße, alle hassen mich, warum hassen mich nur alle? Und sofort springt das andere Extrem an. Nein, nicht die sind alle scheiße, du musst scheiße sein, du musst es noch härter versuchen! Und als nächstes folgt: Nein! Ich habe die Hoffnung doch losgelassen, ich will da doch gar nicht mehr hin! Ich muss vergeben!

Aber wie mache ich das eigentlich? Vergeben? Ja, ich weiß es ja jetzt, es ist eine Entscheidung, ich muss mich nur dazu entscheiden! Aber wie mache ich diese Entscheidung rechtsgültig? Muss ich irgendwas unterschreiben? Verbrennen? Irgendwie dürstet es mich nach einer Aktion! Der Gedanke allein ist mir zu wenig, ich will mehr, ich will etwas Großes, ein Symbol der Endgültigkeit, die dem inne wohnt. Es rast in meinem Kopf … Ein Brief!

Wenn ich soweit bin, schreibe ich einen Brief. Ich schreibe nur folgende Worte:

Ich habe dir vergeben!

Mehr nicht. Den schicke ich ab. Das ist ein guter Plan. Mal schauen, wie viele Tage jetzt noch vergehen werden, bis ich ihn schreibe und wie viele noch vergehen werden, bis ich ihn abschicke. Ob dieser Mensch ihn liest? Ob er ankommt? Das ist mir egal. Ich zahle 60 Cent für inneren Frieden. Das ist es mir wert! Ich lasse los! Es ist nicht meine Schuld!

Advertisements

One response to “Schritt Zwei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: