Schritt Drei

Der Drang zur Kommunikation treibt mich. Allein sein. Nur schwer zu ertragen. Jede Sekunde, die ich länger mit mir allein bleiben muss, erzeugt eine Art Unterdruck in meinem Brustkorb. Es ist schmerzhaft. Von den Fußspitzen her kriecht diese Unruhe in den Beinen hoch und setzt sich zu dem Druck in den Brustkorb. Gleichzeitig lähmt mich die Überforderung vollständig. Ich ertrage mich nicht, ertrage meine Anwesenheit nicht. Ich will nicht allein sein, denn wenn jemand anwesend ist, existiere ich nicht. Ich habe gelernt, mich vollständig auszublenden, sobald ich nicht mehr alleine bin. Das nimmt den Druck, schenkt mir Leichtigkeit. Pause. Ruhe! Aber:

Ich war immer allein, bin allein und werde immer allein sein!

Allein. Allein. Immer bin ich allein. Aber ich hasse es allein zu sein. Ich ertrage mich nicht, ich ertrage die Wohnung nicht, meinen Geruch nicht, das Licht nicht. Das Internet ist mir auch zu öde. Immer der selbe alte Mist. Alles ödet mich an! Ich dusche aus Langeweile 2-3 Mal am Tag. Zumindest bin ich sauber. Zum lesen kann ich mich nicht konzentrieren. Ich habe alle Serien geguckt, die irgendwie Interesse in mir geweckt haben, doch irgendwann ist da nichts mehr. Hollywood kann nicht so schnell produzieren, wie ich es gucke. Ich weiß einfach nicht wohin mit mir. Tag ein Tag aus sitze ich hier auf meiner Couch und nichts passiert. Nicht in mir. Nicht vor mir. Nicht hinter mir. Nicht mal ein Sack Reis fällt irgendwo um. Ich halte es einfach nicht aus mit mir.

Ich bin allein und eigentlich sollte ich diese Zeit genießen. Ich kann es nicht. Ich gönne es mir nicht. Ich habe es nicht verdient! Nur im allein sein bin ich in der Lage, mich zu bilden. Weiter zu kommen, meinen Geist zu pflegen. Wenn ich allein bin, bin ich wie ich bin. Nichts und niemand zwingt mich zu einer Verbiegung. Wenn ich allein bin, liegt all meine Aufmerksamkeit auf mir allein. Ich hasse mich. Ich ertrage mein Sein nicht. Ich will nicht sein was ich bin. Ich will anders sein!

Ich will anders sein? Will ich das? Wie will ich denn sein? Wer bin ich denn? Was mag ich denn? Ich habe die Hoffnung los gelassen. Ich habe vergeben. Es ist nicht meine Schuld! Ich bin ein wundervoller Mensch! Ich bin intelligent, ich bin liebenswert, ich bin liebevoll und fürsorglich. Alle meine Ansichten habe ich gerne. Ich mag meine unkonventionelle Sichtweise des Lebens. Ich schätze jedes Leben.

Jedes? Nur meines nicht!

Ich habe viele Talente, ich bin auch ziemlich cool. Hübsch bin ich auch und an meinem Körper habe ich gar nichts auszusetzen. Ich bin unglaublich stark und habe immer auf sehr originelle Weise Widerstand geleistet. Ich habe die Schwachen immer verteidigt. Ihnen beigestanden. Den -issten immer ihre Grenzen aufgewiesen. Warum hasse ich mich so? Warum gönne ich mir keinen Frieden? Warum treibe und quäle ich mich so?

Ich will nicht anders sein. Ich will ich sein. Ich bin wundervoll! Ich habe nur aufgehört mich wundervoll zu finden, weil dieser böse Mensch mir etwas so schlimmes angetan hat, dass ich denke, ich müsse schrecklich sein, damit ein Mensch so etwas mit mir tun kann! Das ist auf einen fruchtbaren Boden gefallen, nachdem mir so viele Jahre lang suggeriert wurde, ich sei ein schlechter Mensch, weil ich mich nicht an die Konventionen halte. Die ich gar nicht kannte, weil sie sich meiner Logik entzogen. Es war nur der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Es ist nicht meine Schuld!

In meinem Allein-sein, wenn alle Aufmerksamkeit auf mir liegt, dann sehe ich nur noch dieses verachtenswerte Wesen, das so sehr gedemütigt wurde, weil es so dumm und naiv war, weil es so verletzlich und unselbstständig war, das einfach nichts erkennen konnte. Das als Untersuchungsobjekt benutzt wurde. Wenn ich dann allein bin, gönne ich mir die Ruhe nicht. Ich gönne mir die Erholung nicht. Ich gönne mir meinen Frieden nicht. Ich habe nur Leid und Schmerz und Wut und Ärger und Verletzung verdient.

Habe ich? Habe ich gar nicht. Es ist nicht meine Schuld! Das ich so gedemütigt werden konnte, lag nur daran, weil ich durch und durch gut bin, weil ich die bösen Gedanken nicht mal denken kann! Geschweige denn sie auszuführen. Ich konnte nur deshalb so gedemütigt werden, weil ich so wundervoll bin, weil ich an das Gute glaube, weil ich so sehr mitfühle. So intensiv mitfühle. Weil mein Mitgefühl grenzenlos ist. Ich beschränke mein Mitgefühl nicht nur auf die Menschen, die mir nahe stehen. Ich empfinde es für jedes Wesen. Das ist es, was mich so wertvoll macht! Mein unglaublich großes Herz, in dem ich für jeden ein Plätzchen finde. Nur deshalb konnte mir das passieren.

Ich bin allein. Immer. Egal ob jemand anwesend ist oder nicht. Ich trage die Verantwortung für mich. Ich allein entscheide, welche Position ich einnehmen will. Ich bin nicht schlecht, ich bin nicht minderwertig, ich bin hochwertig, ich bin wundervoll. Natürlich mache ich auch meine Fehler, jede Menge sogar. Aber das ist okay, solange ich gewillt bin, aus meinen Fehlern zu lernen. Das bin ich. Was lerne ich also?

Ich darf mich lieb haben. Ich bin wundervoll und ich darf mir Gutes tun. Ich darf mich bilden, darf Wissen aufsaugen, darf Fertigkeiten lernen, darf Sport machen, den ich liebe und der mir Spaß bereitet. Ich darf mich auf die Ausbildung vorbereiten und mich darauf freuen! Ich darf toll sein und die Ausbildung mit einer 1.0 abschließen, ohne mich dafür schämen zu müssen!

Wenn nicht mal ich mich mag, wer soll es denn dann können? Ich bin die letzte Bastion, ich bin immer bei mir, ich bin die, vor der ich mich nie verstellen muss. Ich bin nicht allein. Ich bin mit mir! Nur freundlich sein, dass muss ich immer zu mir. Ich hab nur mich. Ich kann mich nur auf mich verlassen. Daher muss ich hinter mir stehen. Wenn ich jetzt allein bin, dann bin ich froh darum, denn niemals komme ich so weit, wie in der Zeit, in der ich allein bin. Nie mache ich solche Fortschritte, wie in der Zeit, in der ich allein bin. Ich liebe mich und ich darf das auch! Ich bin wundervoll. Es ist nicht meine Schuld!

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