Schritt Vier

Ich muss mich emotional von meinen Mitmenschen abgrenzen. Ihre Gefühle sind nicht meine Gefühle. Fremde Emotionen empfinde ich auf eine so intensive Weise, dass ich sie kaum von meinen eigenen unterscheiden kann. Das ist teilweise sehr verwirrend, weil ich gar nicht weiß, woher das jetzt kommt und was das jetzt soll und ich kann schlichtweg nichts damit anfangen. Eine klare Abgrenzung zwischen „Ihr“ und „Mir“ ist das einzige, was mir da helfen kann. Gerade in Konflikten ist das eine sehr wichtige Technik!

Getroffene Hunde bellen!

Ich hatte da so ein ganz bestimmtes Erlebnis vor einiger Zeit. Es war unendlich verstörend und unglaublich erhellend zugleich. Ich habe dieses Sprichwort zum ersten Mal verstanden und zum ersten Mal die unfassbare Erbärmlichkeit darin gesehen. Es hat tiefstes Mitleid in mir ausgelöst, nachdem ich mich von dem Gefühl abgrenzen konnte.

Ich habe mich mit einem Menschen unterhalten und habe dann nicht wie erwartet reagiert. Ich habe ihn zurückgewiesen und darauf reagierte er, indem er versuchte mich irgendwie anzugreifen. Das Problem war nur, es gab nichts, wo er mich hätte angreifen können! Zuerst empfand ich ein tiefes Angegriffensein. Ich verstand das gar nicht, denn ich war nicht angegriffen. Ich spürte Empörung und Verzweiflung, Wut und Schmerz. Da realisierte ich zum ersten Mal, dass es nicht meine Gefühle sind. Das waren seine Gefühle. Nicht meine! Nachdem ich mich davon abgrenzte, empfand ich sehr viel Mitleid, denn mein Gegenüber war sich seiner Gefühle überhaupt nicht bewusst. Und er litt darunter. Da spielten sich einfach nur irgendwelche Muster ab, über die er keine Gewalt hatte. Eigentlich war es nur Verzweiflung. Mir tat das sehr Leid.

Das sind nicht meine Gefühle, sondern ihre. Ich habe damit gar nichts zu tun. Deshalb ist es so wichtig, dass ich mich davon abgrenze. Ich erkannte, dass die meisten Verletzungen, die ich erfahren habe, nichts damit zu tun hatten, dass ich verletzt werden sollte. Sie galten gar nicht mir. Es war ein Ausbruch an Verzweiflung darüber, dass sie sich selbst gerade sehr verletzlich fühlten. Das teilten sie mir nur mit. Nicht meine Gefühle! Ihre Gefühle. Wie kann ich ihnen da böse sein?

Ich war noch nie ein nachtragender Mensch. Ich weiß, dass mir das selbst nicht gut tut. Auch wenn ich mich früher nie von den Gefühlen anderer abgrenzen konnte, so hatte ich doch schon immer irgendwie den Eindruck, dass sie nicht so richtig etwas dafür können. Sie nur Muster ihrer Eltern oder ihrer Geschwister übernahmen. Es ist sind ihre Gefühle, ihre, nicht meine! Ich habe damit nichts zu tun! Gewissermaßen lebt jeder Mensch so in seiner eigenen kleinen Blase, aus der er nie heraus kommt. Der Blick nach außen scheint schwer. Andere werden wenig beachtet.

Die letzten zwei Jahre konnte ich das auch nicht. Ich war wie zurück geworfen. Für zwei Jahre wieder auf dem Stand einer 4-jährigen. Ich konnte mich nicht abgrenzen. Ich trug zwei Jahre lang den geballten Hass, die geballte Verzweiflung, die geballte Wut, all den Schmerz, die Sehnsucht, oh welche Sehnsucht, eines Menschen in mir, den er mit diesem Missbrauch auf mich übertragen hat. Wie einen Virus. Ich hoffe, dass er sich wenigstens dadurch befreien konnte.

Das Problem war einfach nur, durch die fehlende Abgrenzung, und durch diese unfassbare Intensität, die ich erlebe, habe ich unter so enormen Stress gestanden, dass ich auf einen sehr frühen Entwicklungsstand zurück gefallen bin. Ich musste mich also zwingend abgrenzen, mir klar machen, das sind seine Gefühle und nicht meine, die ich da empfinde. Dem Ganzen kann ich nur entgehen, wenn ich mich abgrenze. Und nur wenn ich mich abgrenze, kann ich das notwendige Mitgefühl aufbringen, um diesem Menschen vergeben zu können. Denn auch er hat einfach nur viel Mist erlebt und kennt keinen anderen Weg, um damit umzugehen. Wie traurig!

Es ist nicht meine Schuld. Es ist auch nicht seine Schuld. Und mit mir endet die Kette der negativen Emotionen, weil ich so unglaublich stark bin, mich von diesen Emotionen abzugrenzen und sie als nicht zu mir zugehörig detektieren zu können. Ich werde diese Emotionen nicht weiter geben. Es sind nicht meine Gefühle. Es sind seine Gefühle! Ich möchte das nicht!

Meine Abgrenzung macht die Erlebnisse nicht ungeschehen. Ich habe Anteil genommen und sie sind Teil meiner Vergangenheit. Durch die Abgrenzung und die Neuinterpretation sind sie aber kein Teil mehr von mir. Sie sind sogar nie Teil von mir gewesen! Es sind nicht meine Gefühle, es sind seine! Ich muss deshalb auch nicht lernen, mit ihnen umzugehen. Ich habe sie abgegrenzt. Sie gehören nicht zu mir! Sind kein Teil von mir. Ich bin das nicht! Ich bin es niemals gewesen! Ich habe mein Leben zurück!

Advertisements

6 responses to “Schritt Vier

  • marienkäfer

    Ich finde das liest sich alles sehr gut und nach einem echten Selbstheilungsprozess. Motiviert mich gerade, auch weiterzumachen.

  • Photon

    Der Abschnitt erinnert mich so extrem stark an mein 2012 und wie ich damit umgegangen bin.
    Auch wenn die Situation anders war – ich glaube, ich hatte eine Zeit lange auch die extremen Gefühle einer anderen Person für meine eigenen gehalten, bis ich das realisiert habe und mich abgrenzen konnte.

    Ich frage mich, ob das was mit Hochsensibilität zu tun hat.

    • BloOsPlanet

      Das ist eine gute Frage und ich bin da auch schon drauf gekommen. Das berichten so einige, die sich selbst als Hochsensibel bezeichnen und mein erstes Aha-Erlebnis hatte ich auch in einem Artikel über Hochsensibilität. Das Menschenmassen so irritierend sind, hängt bei mir auch damit zusammen, dass da einfach zu viele Emotionen sind, die ich aufnehme und wenn eine bestimmte überwiegt, falle ich da hinein und benehme mich nicht mehr wie ich.

  • Peter

    Erst einmal finde ich es gut, dass du erkannt hast dass du dich abgrenzen musst. Finde diesen Schritt echt wichtig, denn ich kenne das von mir und es kann sehr lähmend sein, sich ständig mit den Gefühlen anderer auseinandersetzen zu müssen und dabei nicht zu erkennen, was ist mir und was dem anderen.

    Sehr wichtig ist aber denke ich auch, dass du die Schuldfrage nicht relativierst, indem du den Täter zum Opfer machst! Das ist die Ambivalenz, mit der insbesondere wir Empathen (aus deinen Äußerungen schließe ich mal, dass du sehr empathisch bist :)) leben müssen: auf der einen Seite sehen wir das Leid, das Menschen anrichten. Auf der anderen Seite wissen wir aber, dass sie auch nur konditionierte Opfer ihres sozialen Umfelds sind und im Grunde ebenso gequält sind.
    Wenn du jetzt aber Mitleid mit dem Täter hast und ihm zum Opfer erklärst, bestätigst du damit seinen Wahnsinn und nimmst ihm die Chance, seine Tat zu bereuen und einzusehen, dass ER Schuld ist und nicht ein diffuses „Gesellschaftsding“, dass er eh nicht ändern kann. Jeder einzelne von uns trägt die Verantwortung dafür, das Rechtssystem zu achten und seinen Mitmenschen keinen Schaden zuzufügen. Damit hat auch jeder die Verantwortung, sich zu ändern, wenn er das nicht tut. Wenn niemand mehr Schuld ist, führt das aber unser Rechtssystem und die ganze Moral ad absurdum. Ich glaube so setzen wir nur den Kreislauf des konditionierten Leidens weiter fort. Ein Mensch ist unabhängig davon ein Arschloch, ob er selbst darunter leidet oder nicht – die Tat ist entscheidend und die müssen wir so benennen wie sie ist. Natürlich kann man dann auch dahinter schauen und sehen, warum es überhaupt soweit kam und vielleicht kann diese Erkenntnis auch helfen, darüber hinweg zu kommen. Ich finde es allerdings hilfreicher, beim Tat-sächlichen zu bleiben, für alles andere sind die Psychologen und Therapeuten zuständig.

    Ich hoffe ich klinge jetzt nicht zu persönlich, das war nicht meine Absicht – ich kenne dich und deine Geschichte ja nicht. Finde nur deinen Blog und deine Gedanken sehr interessant (weil ich mich in Teilen auch darin wiederfinde). Hoffe daher du nimmst meine Kritik nicht persönlich, vielleicht hab ich dich auch einfach nur missverstanden! Wünsche dir jedenfalls viel Kraft, weiterzumachen, ich glaube du machst das bisher ziemlich gut! 🙂

  • denkmomente

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel!! Hatte ein ziemlich ähnliches Erlebnis. Ich bekam bei einer guten Freundschaft zu einem Asperger plötzlich einen unglaublich schlimmen Brief, in dem er mich unbegründet beschimpfte. Ich war völlig verwirrt und begann zu lesen, wie so etwas passieren kann. in der Tat, derjenige erlebte große eigene Verzweiflung, die mit mir nichts zu tun hatte. Man nennt das auch eine aggregierte, externalisierte Aggression. Er überträgt seine eigenen Gefühle auf die Person, die er gerade erreichen kann und reagiert nahezu blindwütig. Es war sehr schwer, dieser Person zu verzeihen, aber ich schaffte es nach einiger Zeit. Heute habe wir leider einen sehr distanzierten Kontakt, weil er immerzu ein schlechtes Gewissen hat, wenn ich mich melde. Das Abgrenzen der eigenen Gefühle ist sehr sehr wichtig!! Liebe Grüße, Marion

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: