Schritt Fünf

Ich weiß überhaupt nicht mehr was dieses Pause ist. Pause, Entspannung, Ruhe. Wenn der Kopf endlich mal seine blöde Fresse hält. Seine Fresse hält und dabei nicht diese unglaublich zermarternde und zermürbende innere Unruhe herrscht. Das Herz nicht rast. Der Brustkorb sich nicht bis zur Atemnot zusammen schnürt. Es ist ein unfassbar befremdliches Gefühl. So befremdlich, dass ich das Alte fast vermisse. Weil ich nur noch das kenne. Ich weiß gar nicht, was ich mit diesem neuen Gefühl anstellen soll. Es ist überwältigend. Ich erhalte dadurch einen unglaublichen Vorteil!

Wenn man unter Schlaflosigkeit leidet, ist man immer wach, aber nie richtig!

Es gibt nicht nur physische Schlaflosigkeit. Es gibt auch mentale Schlaflosigkeit und das ist es, worunter ich leide. Ich habe einfach keine richtige Chance, einfach mal abzuschalten. Mir war also absolut bewusst, wenn ich wirklich weiter kommen will, wenn ich wirklich an mir arbeiten will, dann brauche ich dringend Pause. Wenn ich zu erschöpft bin, um eine Lösung zu finden, dann kann ich mich noch so sehr anstrengen und zusammenreißen, ich werde keine finden. Dessen muss ich mir klar sein. Ohne auch nur eine Pause zu haben, bin ich permanent in einem unglaublichen Erschöpfungszustand. Ich bin zu erschöpft, zu angespannt, um adäquate Lösungen zu finden und gleichzeitig versuche ich so krampfhaft, eine hochgradig notwendige Lösung zu finden, dass ich nicht in der Lage bin, mich zu entspannen. Ich kann einfach keine Pause machen. Es ist unendlich zermürbend. Ich bin immer wach. Aber niemals richtig!

Schlaflosigkeit vernebelt die Realität.

Alles ist weit weg.

Alles ist eine Kopie einer Kopie einer Kopie.

Mentale Schlaflosigkeit vernebelt die Realität. Ich verliere den Blick für Sätze, die wirklich gesagt wurden. Da wird schnell ein immer oder ein nie eingeschoben, wo es nicht hingehört und schon verändert sich alles. Worte sind so mächtig! Sie sind eine Beschreibung meiner Wahrnehmung und beeinflussen mich daher sehr stark. Je öfter ich etwas überdenke, durchdenke, umso mehr verliere ich von dem anfänglich erlebten. So wie eine Kopie von einer Kopie von einer Kopie, die auch immer blasser wird. Irgendwann sind die ersten Worte nicht mehr lesbar. Das Blöde dabei ist nur, dass die Worte als erstes nicht mehr lesbar sind, die mein Gefühl hätten relativieren können. So neige ich dazu, in meiner Beurteilung der Situation immer extremer zu werden. Und falle damit immer weiter nach unten. Immer tiefer in das Loch. Ich brauche also Pausen, um zu verhindern, immer mehr Kopien anzufertigen. Und nach einer Pause, betrachte ich auch nicht mehr die Kopie, sondern wieder das Original und finde so die Worte wieder, die mein Gefühl relativieren können.

Ich musste mir also die Frage stellen, was eine Pause ist und wie ich sie gezielt herbei führen kann. Ich habe also nachgedacht und in meinen Erinnerungen nach Pausen gesucht und ich habe mir genau überlegt, in welchen Situationen ich diese Pausen für meinen Kopf herstellen konnte. Ich fand diese Pausen beim Sport, beim Sex, beim meditieren oder auch in der Kunst. Es waren immer Momente des Schaffens oder Momente des Kampfes. Mein Geist war in diesen Augenblicken immer hochgradig konzentriert und wie in einer Art Trance-Zustand. Ich habe dabei einen für mich entscheidenden Link gefunden.

Pause ist, wenn ich im Flow bin.

Der Flow ist für mich die größte Pause und etwas, bei dem ich mich am besten entspannen kann. Schlaf ist nämlich nie erholsam für mich. Im Flow zu sein, heißt für mich allerdings nicht abzuschalten und los zu lassen, so wie es die meisten Menschen beschreiben. Flow bedeutet für mich, meine volle Aufmerksamkeit, meine volle Konzentration, auf eine ganz bestimmte Sache zu lenken. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten und innerhalb dieser verschiedenen Möglichkeiten gibt es eine Art Ranking, das mir zeigt, bei welcher Aktivität es mir leichter fällt in den Flow zu fallen und bei welcher es mir schwerer fällt. Flow bedeutet also für mich, eine Zeit lang nicht in Worten zu denken, weil all jene Gedankenkapazitäten in der Konzentration auf einer Sache liegen. Dabei fällt mir der Flow-Zustand, der einen Moment des Kampfes darstellt, deutlich leichter, als der Zustand in den Momenten des Schaffens. Für die Momente des Schaffens benötige ich eine gewisse Grundruhe.

Beim Schwimmen zum Beispiel konzentriere ich mich massiv auf meine Beinbewegungen, dazu versuche ich meine Arme korrekt zu bewegen und schlußendlich muss ich auch die Atemtechnik berücksichtigen, damit ich kein Wasser in die Nase bekomme. In den Flow komme ich dabei, wenn ich meine visuelle Wahrnehmung dabei auf die Wellenbewegungen konzentriere. Wenn ich im Flow bin, schwimme ich deutlich schneller und bin technisch deutlich besser. Weil ich aber all meine Konzentration darauf legen muss, alles korrekt zu machen, habe ich in diesen Augenblicken schlicht keine Kapazitäten frei, um gleichzeitig auch noch über mich und mein Unverständnis von der Welt nachzudenken. Wenn ich das noch kann, dann liege ich unter meinem Trainingsniveau, also muss ich mehr schwimmen. Statt 5 Bahnen am Stück, eben auf 10 erhöhen. Meine gesamten Funktionen sind darauf ausgelegt, meinen Schwimmstil zu perfektionieren, damit ich noch schneller und noch mehr schwimmen kann. Ich kann dann an nichts anderes mehr denken, als an das.¹

Plötzlich fühlte ich nichts mehr. Ich war unfähig, zu weinen.

Wieder einmal konnte ich nicht schlafen!

Es gab eine Zeit, in der konnte ich mit keiner mir bekannten Methode einen Flow, also eine Pause, herstellen. Egal was ich von den mir bekannten Methoden ausprobierte, nirgendwo erlebte ich den Flow-Zustand und gab somit schnell wieder auf. Es gab mir ja nicht das, was ich brauchte. Ich war innerlich heftig blockiert. Nichts gab mir mehr eine Pause. Ich hatte die Verbindung zu mir selbst vollständig verloren. Ich konnte nichts mehr fühlen. Und weil ich nicht mehr fühlte, war ich schlaflos. Ich konnte keine Pause erzeugen, weil ich irgendetwas schmerzhaftes so sehr unterdrückte, mit aller Macht meines Geistes, dass mein Körper ein lebloses Stück Fleisch wurde. Um nicht fühlen zu müssen, distanzierte ich mich massiv von meinem Körper und perfektionierte diese Distanz über die Jahre. Bis ich alles vergaß. Ich vergaß was Hunger ist. Ich vergaß was Schlafen ist. Selbst das zur Toilette gehen müssen merkte ich nur noch kurz, bevor es zu spät war.

Es brauchte einen großen Impact, um mich wieder unter die Lebenden zu bekommen. Ich fand ihn Gott sei Dank und so fing ich ganz, ganz langsam an, wieder etwas zu fühlen. Ich lernte eine neue Strategie in den Flow zu kommen und lange war sie die einzige, die Wirkung zeigte. Doch je häufiger ich mit der neuen Technik in den Flow kam, umso mehr Kapazitäten wurden wieder frei und umso leichter fielen mir auch wieder andere Techniken. Ich lernte noch 3-4 neue Techniken. Zu den meisten alten kann ich nie wieder zurück, weil sie nun negativ behaftet sind. Aber das ist nicht schlimm für mich, weil ich neue habe und deswegen die alten einfach los lassen konnte. Wenn ein adäquater Ersatz für alte, notwendige, ja existentielle, Strategien gefunden ist, verlieren die alten, nicht mehr funktionierenden, völlig ihre Bedeutung.

Sport, Lernen und Meditation fällt mir leichter, wenn ich daraus eine Routine mache. Auch weil ich kein gutes Gefühl dafür habe, wann ich Pause brauche. Ich muss also gewährleisten, dass ich regelmäßig versorgt bin. Nur selten stellt das ein Problem dar, da das alles Dinge sind, die ich vorrangig alleine machen kann. Natürlich suche ich mir auch gerne eine Begleitung. Fällt diese jedoch weg, stellt das für mich meist keine Umstellung meiner Routinen dar. Das ist auch etwas, worauf ich sehr geachtet habe. Denn wenn ich eine Flow-Aktivität an eine zweite Person knüpfe, ist die Gefahr groß, dass ich nachher wieder ohne Flow dastehe. Deswegen muss sie unbedingt getrennt von anderen Personen funktionieren. Als Kind war das zum Beispiel Fußball für mich. Doch nachdem ich umzog, wechselte ich den Verein und fand von da an nie wieder ins Vereinsleben zurück. Damit fiel eine Flow-Aktivität für mich weg, die ich nicht ersetzen konnte und Jahre später zeigten sich ernste Konsequenzen.

Wenn die Fachwelt davon spricht, dass Sport, Meditation, Kunst oder ähnliches dabei behilflich ist, eine Depression zu heilen, dann verstehe ich das jetzt. In der Klinik und den Therapien jedoch wurde mir das nie so erklärt, weshalb mir das auch absolut schleierhaft war. Ich hatte keinen Anreiz. Es kamen nur so Plattitüden wie Macht den Kopf frei! Genau das ist aber etwas, was ich wirklich nicht kenne. Einen freien Kopf. Auch nicht im Flow. Niemals habe ich einen freien Kopf. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was das sein soll! Daher ergab das alles keinen Sinn für mich und war nutzlos und wie soll ich etwas anwenden, was ich nicht verstehen kann? Im Flow zu sein, heißt nicht, den Kopf frei zu haben, leer zu haben, es heißt nur, mit dem Kopf woanders zu sein. Seine Konzentration auf etwas anderes zu legen. Kurzzeitig einfach mal eine Pause von den anstrengenden und zermürbenden Gedanken zu haben. Pause! Ruhe und Entspannung! Zurück zum Original!


¹ Niemand hat mir die (fortgeschrittene) Technik zum Brustschwimmen gezeigt, sie ergibt sich nämlich ganz von selbst und dazu braucht es einfach nur, dass man es lange genug macht. Ich schwimme seit 3.5 Monaten jede Woche einmal und ich bekam jedes Mal an irgendeiner Stelle von einem entgegengesetzt Schwimmenden eine Welle ins Gesicht und Wasser drang in meine Nase. Das empfinde ich als unfassbar schmerzhaft. Nachdem ich einen Rhythmus für Arme und Beine fand, die es mir ermöglichten a) schneller zu schwimmen und b) meine Muskulatur dabei zu schonen (ich also weniger angestrengt bin), ergaben sich die richtigen Zeitpunkte zum ein- und ausatmen ganz von alleine! Nutze ich dieses Wissen nun, ist das Eindringen von Wasser ganz ausgeschlossen. Ich hatte ein Problem und habe es gelöst. Mehr nicht.

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