Schritt Sechs

Angst. Angst ist ein so ätzendes Scheißgefühl. Immer wieder ist es diese Angst, die mir alles kaputt macht. Die Angst davor, es nicht zu schaffen. Angst davor, dass es wieder so schlimm wird. Angst davor, nicht rechtzeitig zu erkennen, wenn etwas schief läuft. Angst davor, nicht richtig zu handeln, damit es mir schnell wieder gut geht. Angst, die Kontrolle zu verlieren? Angst davor, allein zu sein. Zu bleiben. Für immer. Allein zu bleiben und keine Hilfe zu bekommen, wenn ich die Kontrolle verliere. Hilfe, die ich so dringend brauche, als hilfebedürftiger Mensch. Angst davor, es alleine nicht schaffen zu können. Angst. Überall Angst. Allein-Sein macht mir Angst. Und dabei macht sie eigentlich nur eines, diese Angst:

Angst verschiebt meine Aufmerksamkeit, verändert meine Wahrnehmung!

Diese Angst scheint erst einmal vollkommen destruktiv. Sie verschiebt einfach nur heimlich, still und leise meine Prioritäten. Mein Blick wendet sich von all dem ab, was mir wichtig ist, was wesentlich ist für mich, weil die Umsetzung des Wesentlichen ist, wovor ich Angst habe. So wird aus einer eigenständigen, selbstbestimmten jungen Frau, die für ihre Ziele eintritt, ein kleines, weinerliches Mädchen, das verzweifelt um Hilfe schreit. Schreie, die aber nie verstanden wurden. Schreie, die nach und nach immer leiser wurden und schließlich verstummten. Irgendwann habe ich es nicht einmal mehr versucht. Ich hatte aufgegeben.

Ich habe eine unfassbare Angst davor, die Ausbildung nicht zu schaffen. Ich habe schreckliche Angst davor, dass wieder und wieder passiert, was mich schon mein halbes Leben lang verfolgt. Und ich fühle mich dem gegenüber so machtlos. So ohnmächtig. Ich fühle mich im vollen Umfang meiner eigenen Willkür ausgesetzt. 13 Jahre lang war ich nämlich genau das. 13 Jahre lang passierte immer das Gleiche, wenn ich mal wieder versuchte, regelmäßig irgendwo hin zu gehen, wie Schule, Studium oder Sport.

Irgendwann tritt immer eine massive Überforderung ein, die für mich sehr lange unerkannt bleibt und in dem Moment, in dem ich sie erkenne, weiß ich einfach nicht damit umzugehen. Ich verstehe dann zwar, was genau die Überforderung ausmacht, ich bin aber nicht in der Lage, dies auch mitzuteilen. Über einen längeren Zeitraum hinweg bricht nach und nach alles zusammen. Eine Routine nach der anderen bricht weg. Und dann kommt die Bestätigung. Siehste, habe ich dir doch gesagt, kannste alles nicht! Das erzeugt eine so niederschmetternde Hilflosigkeit, dass ich nicht mehr ein noch aus weiß. Ich werde immer schwächer und suche verzweifelt nach Schutz. Suche verzweifelt nach dem Retter in der Not, der mir aus meiner Misere heraus hilft. Jemand der erkennt, was mich so belastet und beseitigt, was mich überfordert. Noch immer habe ich keine Worte zur Verfügung und dann merke ich, da ist niemand. Ich fühle mich allein. Meine Angst steigt ins unermessliche. Ich stehe vor einer Herausforderung, die ich nicht meistern kann, nicht einmal richtig benennen kann. Nicht allein. Ich brauche Hilfe. Doch es ist keine Hilfe in Sicht. Noch mehr Angst.

Anstatt mit meinem Blick auf meinen Prioritäten zu bleiben, also meiner Genesung und meiner Ausbildung, schweife ich ab und richte meinen Blick auf meine Angst. Und meine Angst suggeriert mir eine ganz andere Ursache, als sie es in Wirklichkeit ist. Meine Angst richtet sich immer auf die Einsamkeit. Das es mir so schlecht geht, liegt einzig und allein daran, dass ich allein bin und niemand da ist, der mir helfen kann. Die wahre Ursache liegt aber nicht in der Einsamkeit, sondern in einer überlastenden und überfordernden Situation, die mich unter Druck setzt und die ich nicht zu benennen vermag. Damit laufe ich vor den wahren Schwierigkeiten davon und stelle mich ihnen nicht. Ich gebe auf, ohne es zu wissen, ohne es zu merken. Ich gebe die Verantwortung ab, übernehme sie nicht mehr für mich selbst. Ich weiß einfach nicht wie. Schlußendlich verschlingt mich meine Angst, weil sie immer eine Abwärtsspirale darstellt. Am Ende zerstöre ich die wenigen Beziehungen, die ich überhaupt habe. Mache alles kaputt, was ich kaputt machen kann.

Angst erzeugt eine immer steiler werdende Abwärtsspirale!

Während die Angst mich lähmt, weil all meine Energien jetzt in ein sinnloses Unterfangen eingeleitet werden, nämlich jemanden zu finden, der mir sagt, was mit mir los ist und was ich nun tun soll und so meine Routinen einbrechen, weil die Suche alles auffrisst und nichts mehr dafür übrig bleibt, erzeugen die eingebrochenen Routinen wiederum Angst und vermindern die Selbsts. Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit. Das lässt nur noch mehr Energien in das sinnlose Unterfangen laufen, anstatt diese doch durchaus vorhandenen Energien zu benutzen und mir selbst zu helfen Worte zu finden. Je unfähiger ich mich sehe, umso hilfebedürftiger werde ich, umso mehr Energie stecke ich in die Suche nach Hilfe, die ich nicht finden kann, umso unfähiger fühle ich mich und so weiter. Diesen Kreislauf musste ich so erst einmal in meinem Bewusstsein verstehen, denn da dies alles nahezu unbewusst ab lief, hatte ich keine Chance, an irgendeiner Stelle zu intervenieren.

Der Angst nachzugeben, bedeutet auch, Verantwortung abzugeben!

Wenn ich meiner Angst nachgebe, dann heißt das nichts anderes, als das ich meine Verantwortung abgebe. Ich davon laufe und mich nicht mehr um das Wesentliche kümmere. Ich sage „Die da draußen sind Schuld! Wieso hilft mir denn keiner?“, anstatt mich mit mir selbst zu beschäftigen. Ich entfliehe der ganzen Situation, verstecke mich hinter irgendwem und versuche einfach alles zu vergessen. Das ist der Preis dafür, das ich aufgegeben habe. Es ist für mich dasselbe wie ein Drogenrausch. Ich renne davon. Nur passiert das eben nicht absichtlich. Es passiert automatisch. Es ist ein unbewusster, erlernter Mechanismus. Die Angst verschiebt meine Perspektive und ich merke es nicht einmal. Ganz langsam. Immer ein Stückchen weiter. Immer weiter weg von meinem eigentlichen Problem. Von der eigentlichen Schwierigkeit, die ich zu bewältigen habe.

Es beginnt mit einem Gefühl der Einsamkeit. Ich wünsche mir sehnlichst die Anwesenheit einer anderen Person herbei. Es geht weiter mit dem innigen Wunsch, einfach nur in den Arm genommen zu werden und an die Hand genommen zu werden. Ich wünsche mir so sehr, dass da jemand ist und sagt „Ach, ist doch ganz einfach, so so so und so und deswegen machen wir morgen das das und das“. Wenn das dann von niemandem kommt, fange ich an, das Internet zu durchforsten. Ich treffe Leute, gehe auf Partys und überfordere mich immer mehr und immer heftiger. Einfach nur weil ich jemanden suche, der mir hilft, der mir den Schutz bietet, den ich in diesem Moment brauche. Aber natürlich ist das viel zu kurz gedacht. Dennoch gehen von dem Moment an, in dem mir kein Bekannter helfen kann, alle Energien in die Suche nach jemandem, der es vielleicht eventuell könnte. Irgendwann breche ich zusammen. Das ist der Moment, in dem ich nahezu jedem die Freundschaft kündige, weil ich einfach kein Wort mehr ertrage, keine Stimme, kein Gefühl, kein Blick. Nichts mehr. Ich fühle mich verlassen, so als wolle mir bloß keiner helfen. Es widert mich alles an. Ich schlage dann nur noch um mich. Gnadenlos. Gedankenlos. Ich bin ganz unten angekommen.

Dabei mache ich das nur, weil ich mir selbst nichts zutraue. Weil ich es mir selbst nicht zutraue, eine Lösung zu finden. Ich mir nicht zutraue, Worte zu finden und so nicht um konkrete Hilfe bitten kann. Da ist eine Blockade, die ich nicht überwinden kann. Darum suche ich nach Hilfe. Hilfe die ich nie finde. Denn ich kann ja nichts sagen. Ich suche also gar nicht wirklich nach Hilfe. Warum kann ich denn nur nichts sagen?

Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden!

Wieso fällt es mir so schwer, zu sprechen? Wieso kann ich nicht um Hilfe bitten? Echte Hilfe? Konkrete Hilfe? Mir ist klar geworden wieso. Ich war früher nie fähig, meine Sorgen, meine Ängste, meine Probleme deutlich zu machen. Ich wurde einfach nicht verstanden. Einer meiner häufigsten Sätze, als alles anfing mit ungefähr vierzehn, war, „Ihr versteht das alles nicht!“. Wurde mein Problem verstanden, wurde mir immer geholfen. Ohne mit der Wimper zu zucken. Das war nicht das Problem. Meine Familie war an sich immer extrem liebevoll, ich bin sehr geborgen aufgewachsen. Sie waren alle immer sehr bemüht, mir alles zu ermöglichen, was nur geht. Ich sollte doch den Aufstieg schaffen, alle Chancen haben, um werden zu können, was auch immer ich wollte.

Nach und nach bat ich aber immer weniger um Hilfe. Weil es Hilfe ja nur gab, wenn ich verstanden wurde. Und ich wurde nicht verstanden. Es war, als lebten wir auf zwei unterschiedlichen Planeten. Die Menschen da draußen und ich. Ich verstummte immer weiter. Egal welche Worte ich nutzte, sie schienen immer etwas anderes zu bedeuten, als ich dachte, was sie bedeuten. Worte, Gefühle. Nichts schien ich richtig zu verstehen. Bei jeder Auseinandersetzung bekam ich eine Reihe von Vorschlägen, die absolut rein gar nichts mit meinem Problem zu tun hatten. Das war unendlich frustrierend! Mit der Zeit raubte mir genau das die Fähigkeit, mich zu erklären zu versuchen. Ich gab auf, denn es war sowieso alles falsch, was ich sagte. Ich gab vollständig auf, über mich zu sprechen. Ich verlor kaum mehr ein Wort über mich. Ich hörte nicht nur auf, über mich zu sprechen, ich hörte sogar auf, über mich selbst nachzudenken. Ich ließ mich selbst völlig außer Acht, weil ich nur noch damit beschäftigt war, in der Sprache der Menschen „da draußen“ nicht zu ertrinken. Da war kein Platz für mich. Kein Platz für meine Probleme, meine Sorgen, meine Ängste. Meine Sorgen, Wünsche, Ängste, Bedürfnisse hörten einfach auf, eine Rolle zu spielen. Es musste ja alles falsch sein. Niemand wusste mehr wer ich war oder was in mir vorging. Nicht mal meine eigene Mutter. Ich sprach niemals über mich, über meine Wahrnehmung oder meine Empfindungen. Es gab ja auch keine Worte dafür. Ich beschränkte mich fortan auf Mathematik, Politik oder Musik. Den Diskurs beherrschte ich mühelos. Der half mir nur nicht immer weiter.

Eine der häufigsten Fragen, die ich mir stellte, mein halbes Leben lang, war „Die anderen schaffen es doch auch und ich bin so viel intelligenter als sie, warum schaffe ich es nicht?“ Mir fehlten die Worte. Ich bat nicht um Hilfe, weil mir die Worte fehlten. Ich wusste mich nicht verständlich zu machen und es endete für mich darin, dass ich eben allein klar kommen musste, weil sich niemand von sich aus in meine Lage versetzen konnte und ich auch aufgrund meiner kümmerlichen Sprache niemanden in meine Lage versetzen konnte. Immer wieder keimte in mir die Hoffnung, wenn ich möglichst laut bin, jemandem auffallen zu müssen. So dass er verstehen würde, wie schrecklich es mir geht und das ich dringendst Hilfe benötigte. Es fiel wohl auf, es verstand aber niemand, weil ich ja nicht reden konnte. Ich habe mir immer nur Hilfe gewünscht. Nie etwas anderes.

Ich brauchte Hilfe, doch ich konnte allen nur zeigen, dass ich Hilfe brauchte. Ich konnte nicht klar machen, welche Hilfe ich brauchte und es konnte sich niemand in mich hineinversetzen, weshalb niemand eine Idee für eine mögliche Hilfe bekam. Alle um mich herum waren ratlos. Das führte dazu, dass ich mich völlig allein gelassen fühlte. Ich verstand nicht, dass sie mich nicht verstehen konnten. Es war doch so offensichtlich. Diese Sprache, die die Menschen sprechen, ist aber einfach nicht meine Sprache. Es fällt mir so unendlich schwer, zu übersetzen, was ich fühle und denke. Ich muss in eine Sprache übersetzen, die ich gar nicht spreche.

Stelle dir vor, du ziehst jetzt plötzlich, ganz alleine, in ein Land, dessen Sprache unserer nicht einmal ähnlich ist. Sagen wir, du ziehst nach Nord-Korea. Du verstehst die Sitten nicht, du verstehst die Mentalität nicht, du verstehst die Sprache nicht, du verstehst nichts. Gar nichts. Die Schrift kannst du auch nicht lesen. Und jetzt hast du diffuse Darmschmerzen und möchtest dem Arzt erklären, dass du Schmerzen im Darm hast und das du gerne möchtest, dass der Arzt das genau untersucht, weil du da eine Vorerkrankung hattest und deswegen ganz besonders auf etwas bestimmtes geachtet werden muss. Du hast keinen Übersetzer. Mit Händen und Füßen kommst du auch nicht weit. Was machst du?

Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll!

Nein, ehrlich. Ich habe wirklich keine Ahnung, was ich tun soll. Nach und nach kann ich immer mehr Situationen identifizieren. Ich brauche aber dennoch Hilfe. Ich brauche jemanden, dem ich mein Problem erzählen kann und der mir dabei hilft, zu verstehen, was da los ist. Therapeuten habe ich massig besucht. Ich habe im Laufe der letzten 13 Jahre 25 verschiedenste Fachleute in mehreren Teilen Deutschlands bemüht. Mir konnte zwar inzwischen gesagt werden, dass da einfach ein anderes Betriebssystem läuft, aber selbst von anderen Autisten bekomme ich selten kompetente Hilfe, weil sie es selbst nicht wirklich verstehen. Ich weiß da einfach nicht mehr weiter. Es scheint, als wüsste die Fachwelt aber auch einfach mal gar nichts darüber und massig andere Autisten bekommen dadurch falsche oder keine Hilfestellung. Nur wie soll ein einzelner diese Leistung vollbringen?

Aber: Es gibt immerhin eine ganz bestimmte Stelle, an der ich schon mal intervenieren kann. Mein Energiefluss. Ich kann über die Aufrechterhaltung meiner Routinen Energien von der Angst weg lenken, sie so kleiner bleiben lassen und der Angst entgegen wirken. Doch zur vollständigen Aufrechterhaltung meiner Routinen kann ich häufig nicht mehr genügend Kapazitäten frei machen. Der Punkt ist aber, dass Routinen nicht vollständig oder perfekt ausgeführt werden müssen, um aufrecht erhalten werden zu können. Die minimale Aufrechterhaltung der Routinen reicht vollkommen aus, um meine Aufmerksamkeit weg von der Angst zu lenken und zwingt mich so dazu, mich weiter auf das Wesentliche zu konzentrieren. Nur so kann ich der Angst ein Schnippchen schlagen. Nicht anders. Der Angst beweisen, wie unnötig sie ist. Ich verhindere, all meine Energie in die Angst zu leiten, die mich ja sowieso nicht weiter bringt, sondern mich nur behindert. Stattdessen zwinge ich mich dazu, meinen Blick auf das Wesentliche gerichtet zu lassen. Mit dem Blick auf dem Wesentlichen fällt es mir dann auch viel leichter, meine Probleme zu bearbeiten. Meine Aufmerksamkeit schweift nur in Teilen ab, nämlich immer dann, wenn ich gedanklich hängen bleibe.

Jetzt muss ich nur noch mich selbst besser kennen lernen und Muster erkennen lernen. Wobei mir keiner helfen kann. Es ist doch blöd alles! Ich fühle mich allein gelassen!

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