Schritt Sieben

Wie soll ich Selbstvertrauen haben, wenn ich nicht mal weiß, was dieses Wort bedeutet? Wenn Selbstvertrauen gar nicht greifbar ist für mich? Was ist denn eigentlich dieses Selbstvertrauen? Woran kann ich erkennen, ob ich welches habe? Oder ob ich Selbstvertrauen haben sollte? Ich möchte euch von meiner kleinen Reise berichten, die ich unternommen habe, um dieses Wort und das dahinter liegende Empfinden zu erkunden. Denn eines sollte mir bewusst werden. Selbstvertrauen, ist etwas ganz anderes, als ich immer dachte und ich kam ganz anders daran, als ich mir vorgestellt habe. Selbstvertrauen hatte ich nie, obwohl ich es immer hätte haben dürfen!

Sprache ist für mich tot, Worte sind leer!

Worte sind für mich nicht viel mehr, als leere Worthülsen. Na klar bedeuten sie irgendwas, aber mir fehlt meist der emotionale Bezug zu den Worten. Ich kann mir keine Vorstellung davon machen, was hinter den Worten steckt. Sie sind für mich meistens nicht viel mehr als Ettiquetten oder Plakate, die man irgendwo drauf pappt. Daher fällt es mir auch leichter, das Wort Glas zu verstehen, als das Wort Selbstvertrauen. Ich kenne die Definition von Selbstvertrauen. Es bedeutet, Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten zu haben. Aber um dieses Wort wirklich verstehen zu können, gehört noch so viel mehr dazu. Es braucht einen Bezug, eine Erfahrung, die ein Bild im Kopf dazu entstehen lässt. Ein Gefühl dazu. Ich kriege das nur kaum bis gar nicht hin mit den Worten, die unsere Sprache besitzt. Für meine Empfindungen muss ich meist sehr umständliche Erklärungen finden, die dann nur sehr vage beschreiben, was wirklich in mir vorgeht und dahin zu kommen, diese vagen Beschreibungen zu kreieren, ist unfassbar harte Arbeit, die oft Wochen oder Monate braucht. Das ich hingegen mal zu einem konkreten Wort einen Bezug bekomme, das ist sehr selten. Aber so geschah es bei dem Wort Selbstvertrauen und ich habe endlich eine Vorstellung von dem Wort.

Du hast aber wirklich viel Selbstvertrauen!

Ich war davon ausgegangen, dass ich absolut kein Selbstvertrauen habe. Ich war immer unsicher bezüglich meiner Entscheidungen und blieb deswegen immer sehr im rationalen Denken hängen. Während der Depression hatte ich aber keine echte Chance rational zu denken, weil meine kognitiven Fähigkeiten im Laufe der Depression, die jahrelang anhielt, immer weiter abbauten. Der permanente Stress, unter dem ich stand, baute alles in mir ab. Ich wurde dumm. Schrecklich dumm. Ich habe viele dumme Sachen gesagt, viele dumme Schlüsse gezogen und auch viele dumme Sachen angestellt. Ich stand jahrelang vor einem fetten Problem, dass ich, egal wie betrachtet, nicht lösen konnte. Und mir konnte auch niemand dabei helfen, es verstand ja niemand. Da bin ich in einen blöden Kreislauf geraten, der mich immer wieder an mir scheitern lies. Und je häufiger ich scheiterte, umso unsicherer wurde ich. Das Selbstvertrauen, dass ich als Kind aufgebaut hatte, baute sich mit den Jahren immer weiter ab. Ich verlor den Glauben daran, dass ich das Problem lösen könne. Und als dann auch noch die Hilfe ausblieb, die ich durchaus immer wieder suchte, verlor ich meine Hoffnung bald ganz.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mich dann mit einer sehr lieben Bekannten, die ebenfalls einen ganz wundervollen und sehr lesenswerten Blog betreibt, unterhalten und ich erzählte ein wenig von meinem Weg. Während ich so erzählte, lobte sie mein Selbstvertrauen und da war ich baff. Ich und Selbstvertrauen? Das waren zwei Dinge, die ich so nicht zusammen bringen konnte. Aber ihre frische Sichtweise auf meine Situation eröffnete mir einen völlig neuen Blick auf dieses Wort. Mir ist das einfach nicht klar gewesen. Ich hatte immer nur die akute Situation im Kopf, in der ich mir absolut nichts zutraute, in der ich endlos hilflos war. Die Vergangenheit zu bewerten kam mir gar nicht in den Sinn.

Durch die meiste Scheiße habe ich mich gezwungenermaßen allein manövriert. Ich hatte nie wirklich Hilfe oder Unterstützung, weil ich mit niemandem sprechen konnte. Auch heute lohnt sich das Sprechen wirklich nur sehr selten, denn verstanden werde ich nur schlecht bis gar nicht. Das ist nur heute nicht mehr so schlimm für mich, da es eine Person auf dieser Welt gibt, die mich immer verstehen wird. Ich selbst. Das konnte ich früher nicht und ich lerne es auch jetzt gerade erst ganz langsam. Durch den Schlüssel, der mir jedoch mitgegeben wurde, die Diagnose, kann ich die Sachen heute endlich deutlich vernünftiger analysieren und auswerten. Es ergibt jetzt alles einen Sinn und ist schlüssig in sich. Das schafft Selbstvertrauen, weil die Probleme nun wieder gelöst werden können. Wege gefunden werden können, wo früher nur ein Das geht so nicht! stand.

Irgendwie hatte ich es in der Vergangenheit geschafft, den richtigen Weg für mich zu finden. Die richtigen Entscheidungen zu treffen und genau das zu tun, was notwendig war, um mich wieder heraus zu holen, aus all dem Mist, in den ich geraten war. Je mehr ich darüber nachdachte, merkte ich, dass ich eigentlich nicht eine einzige Entscheidung getroffen hatte, die wirklich schlecht für mich war. Sie waren auch nicht alle klug, oder besonders effizient, aber alles war lehr- und hilfreich für mich und kam vor allen Dingen zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Reihenfolge. Im Nachhinein betrachtet zieht sich ein klar erkennbarer roter Faden durch alles hindurch. Nur sah ich mitten drin den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Mein Unterbewusstsein übernahm das Kommando,

mein Bewusstsein trat in den Hintergrund!

Nachdem ich so lange sehr bewusst handelte, weil ich mein Unterbewusstsein stark unterdrückt hielt, da es zu intensiv für mich war und mich mitsamt all der Informationen, die es sandte, vollständig überforderte und ich dem ganzen auch nicht traute, übernahm damals irgendwann einfach mein Unterbewusstsein die Kontrolle. Das Bewusstsein war am Ende, ich drückte das auch genau so aus, war mir dessen also sogar bewusst. Ich verlor völlig den Halt, das war eine absolute Katastrophe für mich. Ich war immer unfassbar kontrolliert, doch innerhalb weniger Monate verlor ich vollständig die Kontrolle über mich und schwamm in einem Ozean aus Unsicherheit. Ich wurde ständig von irgendeiner Welle erfasst und immer wieder herum gewirbelt. Ich verlor den Boden unter den Füßen. Wusste nicht mehr wo oben und unten war. Ich machte Dinge, die ich nicht verstand, die keinen Sinn ergaben. Ich traf lauter Entscheidungen, die gar nicht zu mir passten! Ich war ganz plötzlich eine andere Person. Ich fühlte mich elendig herum geschubst, alles schien sich meiner Gewalt zu entziehen. Ohnmacht machte sich breit.

Ich hatte auch absolut keine Verbindung mehr zu meinem alten Ich. Alles war wie weggespült. Verloren. Vergessen. Es fühlte sich an wie eine Form von Amnesie. Ich erinnerte mich an fast nichts mehr. Alles war so unglaublich weit weg, so verschwommen. Als wäre es schon Jahrhunderte her gewesen. Und während ich herumwirbelte und Dinge tat, die ich niemals getan hätte, die Kontrolle verlor, meine Sicherheit immer weniger wurde, kam ich irgendwann am Nullpunkt an. Der Punkt, an dem ich nicht mehr die geringste Kontrolle über irgendwas hatte. Nicht einmal mehr über meinen eignen Mund. Ich konnte nicht länger für meine Sicherheit garantieren. Der Klinikaufenthalt folgte. Danach sollten noch massig andere Aktionen meinerseits folgen, die bestenfalls als hirnrissig zu bezeichnen sind. Wenn man sie denn mit der Ratio beurteilen will. Es schien, als wollte ich mir damit sehr doll weh tun. Und so unrecht habe ich damit wahrscheinlich auch gar nicht.

Eines meiner größten Probleme war nämlich, dass ich mich nicht mehr spüren konnte. Ich war wie tot und sehr schmerzunempfindlich, spürte keinen Hunger mehr oder sonst irgendwas in dieser Art. Ich hatte auch keine Möglichkeit mehr, in irgendeiner Form einmal abzuschalten. Ich lief ständig auf 100%. Mir war das nur nicht wirklich klar, denn so richtig anders kannte ich es gar nicht mehr, so lange lief das schon. Und während nun mein Unterbewusstsein das Kommando übernommen hatte, dachte es sich lauter Dinge aus, die es für richtig hielt, um mich aus dieser Situation zu befreien. Es fügte mir Schmerzen zu, damit ich wieder etwas spürte. Es ließ mich rastlos nach Wegen suchen, die mir Pausen einbrachten. Es zwang mich regelrecht dazu, diese Dinge zu tun, weil eine unendliche Sehnsucht in mir brannte. Und letztenendes muss ich sagen, so bescheuert das auch alles war, es hat sogar irgendwie geklappt, obwohl es sicher einen besseren Weg gegeben hätte. Einen Weg, der weniger in mir kaputt gemacht hätte, als er es nun endlich tat.

Es muss erst einmal schlimmer werden, damit es endlich besser werden kann!

Das sagte mein Hautarzt damals zu mir, als ich aus der Klinik kam und ich dringend eine Aknesalbe brauchte. Er wollte mich darauf vorbereiten, dass ich nach 1-2 Wochen deutlich schlimmer aussehen werde, als zu Beginn der Behandlung, dies aber nötig ist, weil alles einfach erst mal raus muss, bevor es abheilen kann. Das er mir damit nicht nur einen sehr guten Rat für die Akne-Behandlung gab, sondern gleich einen sehr guten Rat für das ganze Leben erteilte, war ihm vielleicht nicht so klar. Seither denke ich immer wieder an diesen Satz, wann immer ich ein neues Problem angehe. BloO, es wird erst einmal schlimmer werden, bevor es dann besser werden kann. Und dieser Satz tröstet mich, weil er sich schon so oft bewahrheitet hat. Er wappnet mich, damit ich nicht aufgebe, nicht abgebe, mittendrin. Er schafft Vertrauen in mich und meine Fertigkeiten, denn auch wenn es nicht danach aussieht, dass es jetzt besser wird, wird es besser werden.

Und ob mein Bewusstsein oder mein Unterbewusstsein das Problem angeht, ist dabei vollkommen egal. Der einzige Faktor dabei ist wirklich die Zeit. Löse ich das Problem im Bewusstsein, arbeite ich deutlich schneller, als wenn ich das Problem dem Unterbewusstsein überlasse. Der Punkt ist aber, nachdem es schlimmer geworden ist, weil ich erst einmal gewaltig im Dreck wühlen muss, wird es besser, egal welcher Teil in mir daran arbeitet. Darauf kann ich vertrauen. Immer. Selbst wenn ich nicht weiß, wie ich etwas angehen soll, dann mache ich das trotzdem. Das verstört mich zutiefst, beruhigt mich aber auch. Denn ich kann auf meine Fähigkeiten vertrauen. Auf meine Resilienz vertrauen. Ich kann Geduld haben und darauf warten, dass ich das Problem erledige und wenn ich es bewusst nicht schaffe, dann eben unterbewusst. Auch okay.

Das ist es, was Selbstvertrauen bedeutet. Darauf zu vertrauen, dass im Notfall das Unterbewusstsein anspringt und das Problem schon lösen wird, wenn das Bewusstsein nicht mehr weiter kommt. Darauf zu vertrauen, dass das Unterbewusstsein schon die richtigen Entscheidungen treffen wird, wenn es dazu kommen sollte. Ich besitze genügend Fertigkeiten, genügend Ideenreichtum, aus dem sich mein Unterbewusstsein bedienen kann und weiß Gott, ich bin da sehr kreativ gewesen, in meinem Heilungsprozess. Und, am allerwichtigsten ist, ich habe nie aufgegeben. Ich habe mal Pause gemacht, weil ich erst genügend Energie sammeln musste, um den nächsten Schritt angehen zu können, aber ich bin den nächsten Schritt immer angegangen. Habe immer weiter gekämpft. Habe niemals aufgegeben. Es hat nur Zeit gebraucht. Mehr nicht. Das ist das sichere Zeichen dafür, dass ich eigentlich immer Selbstvertrauen gehabt habe. Ich immer darauf vertraut habe, dass ich den nächsten Schritt finden und auch gehen werde.

Gleichzeitig hat mein Unterbewusstsein aber auch ganz viel Mist gemacht. Da mache ich mir keine Illusionen. Ich habe einiges erlernt, was ich jetzt mühselig wieder verlernen muss. Aber auch da merke ich, ich kann darauf vertrauen, diese falschen Schlüsse, die ich gezogen habe, zu finden und zu bearbeiten. Mein Unterbewusstsein hat so lange gearbeitet, bis mein Bewusstsein wieder greifen konnte und weiter machen konnte. Auch in diese Fähigkeit darf ich vertrauen, denn ich habe sie, wie mir meine Vergangenheit zeigt.

Nach und nach wird mir das alles immer mehr bewusst. Es zieht in mein Bewusstsein ein und wird stärker. Auch das braucht immer viel Zeit. Etwas verstanden zu haben, zu wissen, heißt nicht, es auch begriffen und verinnerlicht zu haben. Dazwischen liegt noch einmal Zeit. Da bin ich gerade. Ich bin aber zuversichtlich, dass ich es schaffen werde. Ich habe Selbstvertrauen. Habe immer Selbstvertrauen gehabt und darf es darum auch zukünftig haben. Ich darf darauf vertrauen, dass ich im richtigen Moment, die richtige Entscheidung treffe, die ich treffen muss, um mich weiter zu bringen.

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