Schritt Zehn

Immer wieder gibt es Probleme in meinem Leben. Probleme, die meine Aufmerksamkeit fordern, weil sie eine Bedrohung meines Selbsts darstellen. Sie nehmen alles in mir ein, lassen mir nicht mal mehr ein Fitzelchen Konzentration übrig und ich kann an nichts anderes mehr denken. Meine ganze Welt besteht nur noch aus diesem Problem und alles andere versinkt in der Bedeutungslosigkeit. Es brennt sich ein. Als Gedanke, als Gefühl und immer wieder sogar als Handlung. Was ich will, scheint keine Bedeutung mehr zu haben, einzig, was das Problem von mir verlangt.

Rätsel, die es zu lösen gilt

Wenn ich ein Problem habe, dass mein Selbst bedroht, dann beobachte ich immer wieder ein und dasselbe Gedanken- und Verhaltensmuster. Es ist das Gedankenmuster der Angst. Was hinter der Angst liegt, ist vor allen Dingen psychische Unordnung. Meine Welt gerät für einen Augenblick aus ihren Angeln und droht zu kippen. In der Bedrohung ist noch unklar, ob ich meine Position anpassen muss oder ob ich den Kurs beibehalten darf. Das schafft eine enorme Unsicherheit, eine Unordnung, die daher aller Aufmerksamkeit bedarf. Es stellt eine Bedrohung der eigentlichen Ziele dar und die eventuelle Konsequenz daraus würde lauten, dass ich mir ein neues Ziel suchen muss und dazu alles umplanen muss. Allerdings befinde ich mich da noch in einer Warteposition, die keine Handlung erlaubt. Dadurch entsteht ein Gefühl des aushalten müssens. Das ist grauenvoll!

Im Planen bin ich nicht besonders gut. Ich habe eine exekutive Dysfunktion und daher bedroht mich dieses Problem noch deutlich mehr. Ich habe auch nicht wirklich jemanden, der mir beim planen helfen könnte, da die Vorschläge meiner Mitmenschen nur selten hilfreich sind. Ich muss die unbetretenen Pfade laufen und auf diesem Weg bin ich immer allein. Darum ist mein Hauptempfinden in der Angst auch Einsamkeit. Eine mich auffressende Einsamkeit, weil ich nicht daran glaube, dass ich diesen Weg alleine finden kann und dann auch noch bestreiten kann. Ich habe eben festgestellt, dass meine Mitmenschen nicht fähig sind, außerhalb ihrer eigenen ausgetretenen Pfade zu denken. Sie sind mir keine Hilfe. Ich bin auf mich allein gestellt. Das macht mehr Angst. Mehr Einsamkeit.

Das Empfinden beeinflussen

Wenn ich also mein Empfinden beeinflussen will, dann muss ich meine Aufmerksamkeit beeinflussen. Das heißt, in erster Linie muss ich möglichst schnell meine Gedanken- und Verhaltensmuster erkennen. In meinem Falle ist das die Einsamkeit und alles weitere was da an Gedanken, Emotionen und Handlungen dran hängt. Bin ich mir darüber bewusst, muss ich die Bedrohung ausfindig machen und einen Plan erstellen, wie ich diese Bedrohung in den Griff bekommen kann. Habe ich den Plan aufgestellt, finden sich in der Regel Wartezeiten zwischen den einzelnen Handlungen, die überbrückt werden müssen. In diesen Phasen muss ich meine Aufmerksamkeit bewusst auf eine erfreuliche und beruhigende Sache lenken, um unnötiges Leid zu vermeiden.

Ein Beispiel:

Als die Schule umgezogen ist, stellte dies eine Bedrohung für mich dar, weil meine eigentlichen Ziele über den Haufen geworfen wurden und ich nicht wusste, inwiefern ich mich anpassen muss, kann oder soll. Ich verfiel über Wochen in die Muster der Angst, verlor mich also in der Einsamkeit und erkannte gar nicht, warum es mir eigentlich so schlecht geht. Ich ließ nach und nach alle Routinen fallen, weil sie in meinen Augen sinnlos wurden und so ging es mir von Tag zu Tag immer schlechter, weil durch die fehlenden Routinen irgendwann mein ganzes Leben sinnlos wurde. Immer mehr Kapazitäten wand ich dafür auf, mir eine Hilfe zu besorgen, die ich letztlich nicht finden konnte, was meine Einsamkeit nur verstärkte. Erst als ich mir dieses Musters bewusst wurde, konnte ich feststellen, was mein Problem war. Was die Bedrohung für mich war. Was die Unordnung war, die alles falsch werden ließ. Ich erkannte, dass mir der Umzug Schwierigkeiten machte und stellte einen Plan auf, um die Routinen wieder herzustellen. Es entstanden Wartezeiten, in denen ich meine Aufmerksamkeit bewusst auf Musiktexte lenkte, um mir ein positives und angenehmes Gefühl zu verschaffen. Um mir selbst zu zeigen, dass ich immer noch produktiv bin. Nach und nach zog ich den Plan durch, die Bedrohung wurde immer kleiner, folglich auch die Angst und eines schönen Tages konnte ich meine Routinen wieder voll umsetzen.

Wenn du die Stimme bemerkst, wird dir klar, dass du nicht die Stimme,

der Denker, bist, sondern der, dem sie bewusst ist! Sich selbst als das

Bewusstsein hinter der Stimme zu erkennen, ist Freiheit!

Ich bin nicht die Stimme der Einsamkeit. Die Stimme der Einsamkeit ist mein Körper, der mich darauf hinweist, dass eine Bedrohung existiert. Diese Stimme möchte mich davor schützen, dass mir etwas schlimmes zustößt. Sie möchte mich davor schützen, dass ich in ein endloses Chaos stürtze. Sie will die Ordnung aufrecht erhalten. Es besteht also keine Notwendigkeit, mich selbst mit der Angst, mit der Einsamkeit, zu identifizieren, wo sie doch nicht mehr als ein Hinweis auf ein bestehendes Problem ist. Noch viel weniger, wenn ich für das bestehende Problem bereits eine Lösung ausgearbeitet habe und sogar schon in der Umsetzung bin. Mich weiterhin mit der Einsamkeit zu identifizieren, würde bedeuten, unnötig zu leiden. Dieses Leid ist aber nicht mehr, als eine dysfunktionale Strategie, um mit einer potentiellen Bedrohung meines Selbsts umzugehen. Eine Strategie, die ich in der Vergangenheit erlernt habe, weil sie zu diesem Zeitpunkt die sinnvollste Lösung darstellte und die sich dann gefestigt hat.

Das Wort Jesu „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“

darfst du auch auf dich selbst anwenden!

Diese inzwischen dysfunktionale Strategie entwickelte ich zu einem Zeitpunkt, an dem ich jahrelang vergeblich versuchte, mir selbst zu helfen. Da mir der richtige Schlüssel fehlte, um funktionale Strategien zu entwickeln, mit denen ich mein Leben meistern konnte, entwickelte ich eine kurzzeitig funktionale Strategie, die mich dazu bewegte, Hilfe zu suchen. Denn allein kam ich nicht mehr weiter. Ich drehte mich seit Jahren schon im Kreis. Ich suchte mir Hilfe, ich bekam den richtigen Schlüssel, doch diese Strategie wandelte sich dadurch einfach nur von einer funktionalen Strategie, in eine dysfunktionale, weil nun keine Notwendigkeit mehr für Hilfe bestand. Nicht mehr besteht. Ich löse meine Probleme nun wieder zu 90% selbst und für die restlichen 10% habe ich Menschen, die mich unterstützen. Ich wusste damals nicht was ich tat und deswegen darf ich jetzt nicht wütend auf mich sein, nur weil ich eine dysfunktionale Strategie in mir trage, die mir sehr zu schaffen macht. Damals war es das Richtige für mich und heute muss ich eben daran arbeiten, diese Strategie zu erkennen und entsprechend zu handeln. Es ist in Ordnung, dass ich diese Strategie entwickelt habe. Ich vergebe mir für meine Unwissenheit.

Wer seine Aufmerksamkeit bewusst lenken will,

sollte wissen, wohin er sie lenken will, sonst lenkt sie sich selbst.

Jetzt ist die Frage, wie lenke ich meine Aufmerksamkeit und noch viel wichtiger, wohin lenke ich meine Aufmerksamkeit? Das ist der spannendste Teil meines aktuellen Weges. Denn hier kann ich kreativ werden. Mir stehen quasi unbegrenzte Möglichkeiten zur Verfügung. Ich habe so viel Auswahl, dass ich gar nicht weiß, was ich eigentlich auswählen will. Die Qual der Wahl eben. Aber ein zu viel an Möglichkeiten, ist ähnlich lähmend, wie ein zu wenig an Möglichkeiten. Ich habe meine Aufmerksamkeit zu lenken geübt, indem ich mich einfach dazu gezwungen habe, meine Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, wofür ich mich jetzt entschieden habe.

Ich habe dabei ein niedrigschwelliges Angebot gewählt, welches mich mit Leichtigkeit in den Flow-Zustand fallen lässt. Ich wählte hierbei für mich den Sport, genauer Muskelaufbau, Schwimmen und Bouldern. Diese Aktivitäten verteilte ich gleichmäßig über die Woche. Je öfter ich das machte, umso leichter fiel es mir. Nachdem ich das erst mit einem niedrigschwelligen Angebot übte, nahm ich etwas hinzu, was mir schon deutlich schwieriger fiel. Ich fing an in die Bibliothek zu gehen und zu lernen. Zuerst nur den Oberstufenkurs in Biologie. Am Anfang war es unfassbar schwer, meine Aumferksamkeit auf das Lesen zu lenken. Immer wieder schweifte ich ab. Doch je länger ich mich dazu zwang, umso einfacher wurde es, umso mehr Freude bekam ich daran. Zuerst ging alle Kapazität des Tages für die zwei bis drei Stunden lernen drauf. Doch mit der Zeit kostete es mich immer weniger Kapazität und ich konnte nach und nach immer mehr rein nehmen. In meiner Auwahl bin ich da vollkommen frei. Ich hätte wählen können, was auch immer ich hätte wählen wollen.

Denn wenn ich nicht auswähle, worauf ich meine Aufmerksamkeit lenken möchte, oder wenn ich eben noch zu wenige Kapazitäten frei habe, um meine Aufmerksamkeit bewusst zu lenken, dann lenkt sich in der restlichen Zeit meine Aufmerksamkeit von selbst und das führt immer wieder zu der dysfunktionalen Strategie des Hilfe-holens in Form der Angst und Einsamkeit. Unnötiges Leid, weil ich nicht bewusst lenke, sondern die Kontrolle abgebe und lenken lasse. Leid, welches sich vermeiden lässt, wenn ich mir dessen nur bewusst werde und meine Aufmerksamkeit stattdessen auf etwas anderes lenke. Etwas, was mir gut tut. Etwas, was ich mag. Denn ich möchte wachsen und das ist eine unbeschränkte Aufgabe, die sich endlos fortführen lässt und in ihren Möglichkeiten so vielfältig ist, wie alle Lebewesen auf diesem Planeten. Heute bin ich wieder recht glücklich. Meine Aufmerksamkeit lenke ich schon wieder zu einem sehr großen Teil selbst und das gibt mir viel Ruhe und Zufriedenheit. Dennoch tun sich immer wieder neue Lücken auf, für die ich etwas aussuchen muss, weil immer mehr Kapazitäten frei werden. Ich übe also noch ein bisschen weiter!

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3 responses to “Schritt Zehn

  • Katie

    Das ist sozusagen für mich die Lebensaufgabe überhaupt. Ich stecke neben den dysfunktionalen Strategien die mich immer wieder einnehmen zusätzlich in dem Dilemma die Kontrolle teilweise sogar abgeben zu wollen. Sonst keinen Sinn im Leben zu sehen. Guter Text, ich wünschte ich könnte es so prägnant ausdrücken

    • BloOsPlanet

      Das mit dem Abgeben der Kontrolle, das kenne ich auch unglaublich gut. Ich akzeptiere das allerdings inzwischen voll an mir und lebe das nun auch in einem ganz bestimmten, abgesteckten Rahmen aus. Ich verstehe das Verlangen dahinter und ich verstehe auch die Notwendigkeit, die es beinhaltet. Ich kann es aus den wichtigsten Bereichen in meinem Leben heraus halten, indem ich es in einem kleinen Rahmen zulasse. Denn es geht ja auch ums los lassen, ums sich treiben lassen und das ist nicht nur falsch, finde ich, das kann eben auch richtig sein. Es ist auch eine Art von Flow, die dadurch entsteht, weil alles klar wird. Zwar von außen vorgeben, aber es gibt keine Fragen mehr, keine Unklarheiten. Es stellt einen geschützten Moment dar, indem die Welt nur aus Ordnung besteht. Also so empfinde ich es. Kleine Dosen davon geben mir daher Kraft. Kraft, in anderen Bereichen die Kontrolle nicht abgeben zu wollen, sondern sie zu behalten.

      Darüber sollte ich irgendwann auch nochmal schreiben! Danke dir, für deine Inspiration =) Und danke auch für dein Kompliment.

      • Katie

        Ja, meist ist mir Ordnung auch lieber. Das mit dem Kontrolle abgeben kann ich auch nur unter bestimmten Umständen. Wenn ich zuviel Alkohol getrunken habe. Oder in Musik versinke. Aber eigentlich macht es mich langfristig nicht glücklich, weil es eben die Ordnung kaputt macht. Die stellt die psychische Stabilität langfristig sicher. Aber der Hang zum fallen lassen wollen ist da manchmal nicht zuträglich. Meist schäme ich mich auch danach. Gestern war wieder so ein Abend 😦

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