Todesangst

Mir wird das volle Ausmaß dessen, was dieser böse Mensch mir antat, erst jetzt bewusst. Das, was mich eigentlich so zerstörte, dass war nicht der Missbrauch an sich, sondern das, was danach folgte. Ich begreife erst jetzt so richtig, dass dieser böse Mensch nicht einmal davor zurück schreckte, mein Leben zu bedrohen, wenn ich nicht still schweigend ertrage, was er mir angetan hat. Er drohte mir damit, mich so lange zu tyrannisieren, bis ich nicht mehr reden könne. Ich hatte keine Chance mehr, mich zu wehren. Mir war jede Handlungsmöglichkeit genommen, wo ich doch um mein Leben fürchten musste.

Das hat sich tief in meine Seele eingebrannt. Wann immer ich eine Situation still schweigend ertragen soll, wann immer jemand versucht, mich in diese Ohnmacht zu drücken, fühle ich mich, als stünde ich kurz vor dem Tod. Ich habe Todesangst. Ich erlebe sofort Flashbacks, die so stark sind, dass ich mich rational einfach nicht dagegen wehren kann. Jedes verdammte Argument, und sei es noch so unwiderlegbar, versagt gegen meine Empfindung. Ich versinke augenblicklich wieder in diesem Gefühl, dass ich damals hatte. Ich habe große Angst um mein Leben! Ich weiß nicht, wie ich mich wehren soll, weil ich Angst davor habe, mit meiner Handlung meinen eigenen Tod herbei zu führen. Das erzeugt eine so enorme Lähmung in meinem Kopf, dass ich kaum in der Lage bin, Lösungsstrategien zu entwickeln. Ich kann die Konsequenzen nicht mehr einschätzen. Ich kann meine Möglichkeiten nicht mehr einschätzen. Ich habe einfach nur Angst davor sterben zu müssen, sobald ich auch nur im Ansatz versuche, mich gegen die mir widerfahrende Ungerechtigkeit aufzulehnen.

Leider schätze ich die Situation häufig falsch ein, denn dieser Mechanismus, dieses Empfinden, springt sehr schnell an. Zu schnell. Zu oft wurde so mit mir umgegangen, zu stark ist die Todesangst, daher falle ich sehr schnell dort hinein. Blöd war, dass ich es nicht erkannt hatte. Ich wusste nicht, dass ich gegen die Todesangst kämpfte, ich wusste nicht, dass ich das erlernt hatte. Aber jetzt, wo ich es erkannt habe, vergebe ich mir. Vergebe ich mir, für all die Dummheiten, die ich tat, und die ich vielleicht noch tun werde, während ich in meiner Todesangst gefangen war. Vergebe mir dafür, dass ich mich in allen nachfolgenden Situation selbst meiner Handlungsmöglichkeiten beraubt habe. Es ist nicht meine Schuld. Ich kann nichts dafür. Ich war mir dessen nicht bewusst. Ich habe es nicht erzeugt.

Jetzt muss ich damit umgehen lernen. Es wird irgendwann weg gehen, da bin ich mir sicher. Es wird der Tag kommen, an dem ich keine Todesangst mehr verspüren werde. Und bis dahin werde ich es erkennen lernen und mir dann selbst ein Handeln erlauben. Ich werde mir das Recht zurück erkämpfen, eine mir widerfahrende Ungerechtigkeit bekämpfen zu dürfen! Ich bin stark! Sehr stark! Und ich lasse mir nicht von so einem elendigen Wichsgesicht mein Leben kaputt machen! Und auch nicht von allen anderen, die, wenn auch unabsichtlich, aufgrund von fehlender Kenntnis, in die gleiche Kerbe schlagen! Es ist Ausbeulzeit! Mein Leben fängt jetzt erst an und ich werde dafür Sorge tragen, es zu dem schönsten zu machen, dass ich herstellen kann!

Heute mache ich den ersten Schritt dazu und wenn ich damit fertig bin, dann werde ich endlich die Karte einwerfen. Ich habe sie noch immer nicht abgeschickt. Ich war noch nicht bereit, zu vergeben. Ich wusste die ganze Zeit nicht warum. Jetzt weiß ich es und jetzt werde ich bereit sein. Ich schließe dieses Kapitel jetzt!

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One response to “Todesangst

  • marienkäfer

    Es tut mir leid, dass du so etwas durchmachen musstest/musst. Ich kenne Todesangst auch, allerdings aus einem anderen Zusammenhang. Du hast Recht, man kann in dem Moment nicht rational kämpfen.
    Finde immer wieder beeindruckend, was und wie du hier alles selbst reflektierst ❤ Ich hoffe wir lernen uns doch nochmal persönlich kennen, hatte mich wirklich gefreut auf das WE.
    Aber ich werde es nicht vergessen, das nachzuholen.
    Lieben Gruß

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