Und täglich grüßt das Murmeltier

Mir fällt es schwer, zu schreiben. Seit vielen Monaten schon fällt es mir unendlich schwer, ein Wort nieder zu schreiben. Es war alles so viel, ich hatte kaum eine Sekunde Zeit, irgendetwas zu verarbeiten, immer hieß es nur: weiter, weiter, weiter, ich hab doch keine Zeit, ich muss das schaffen, weiter, los! Gebrochen wurde das alles ganz langsam, nur das schreiben fällt mir eben noch immer sehr schwer. Jeden Satz quäle ich aus mir heraus, in dem bloßen Wissen, es tun zu müssen, weil ich es brauche. Doch wie oft sitze ich vor der leeren Word-Datei, der Cursor blinkt munter vor sich hin und fordert mich schelmisch heraus. Na los, schreib endlich was. Was? Das willst du schreiben? Haha, was für ein Bullshit! Ich bin irritiert.

Das Problem ist natürlich nicht nur das schreiben als solches. Vielmehr ist es der Zweck, der dahinter liegt. Seit ich anfing zu schreiben, kam ich immer wieder in diese Situationen, in denen meine Außenwelt so alles verschlingend war, dass mir einfach kein Raum blieb, mein Innen zu ergründen. Obwohl ich gleichzeitig das tiefste Bedürfnis danach verspürte. Ich fühlte mich damit mir selbst im Weg. Verzweifelt versuche ich immer wieder, jemanden aus der Außenwelt zu finden, mit dem ich darüber sprechen kann. Doch jeder Versuch scheint abgeschmettert zu werden. Wahrscheinlich gibt es das einfach nicht.

Ein Teufelskreis beginnt.

Die ersten Erklärungsversuche bestehen noch aus: Nun ja, es ist ja auch wirklich anstrengend und viel, ich kann verstehen, dass meine Mitmenschen das nicht wollen, sie haben mit sich selbst sicher mehr als genug zu tun. Ich beschränke mich also und versuche nicht zu nerven, auch wenn es so schrecklich nötig wäre. Denn ich finde meine Worte nur beim reden. Schweige ich, verliere ich mich selbst Stück für Stück. Der Gedanke des nicht-nerven-wollens nimmt irgendwann Überhand. Es muss ja so sein, denn ich muss verarbeiten, ergründen, sonst geht es mir nicht gut und der vermeintliche Übeltäter ist schnell gefunden. Ich selbst. Denn ich bin die, die zu viel ist und nervt und eine Belastung für alle ist. Und damit ich keine bin, denn ich möchte das nicht sein, schweige ich. Doch je mehr ich schweige, umso mehr bleibt unverarbeitet, umso mehr empfinde ich mich als Belastung und tja nun, da habe ich den Salat.

Ich ziehe mich immer tiefer in mich zurück, empfinde mich selbst bei jedem Kontakt zu Menschen als äußerst ungesehen und sehe mich auch selbst von Tag zu Tag immer weniger. Bis ich irgendwann überhaupt nicht mehr weiß, wer ich eigentlich bin oder was ich will oder was ich brauche. Und alles scheiterte an einer winzigen Kleinigkeit. Ich fand keine Möglichkeit, zu verarbeiten und zu verstehen. Zu voll zum schreiben, zu einsam zum reden. Und irgendwann sitze ich da, verzweifelt, traurig, einsam und weiß nicht was um mich herum geschieht. Alles eine einzige Frage, eine, die niemand beantworten kann. Ich mache niemanden, außer mich selbst, dafür verantwortlich. Besser, als alle anderen verantwortlich zu machen, ist das allerdings auch nicht. Denn sind wir mal ehrlich: So wirklich verantwortlich ist nie irgendjemand für irgendwas. Es geschieht, was in dem Moment geschieht. Genau so wenig wie ich weiß, was ich da tue, genau so wenig wissen es die Menschen um mich herum und damit wird es vollkommen irrelevant, wer hierbei an was auf welche Weise auch immer Schuld sein soll. Schuld existiert nicht, außer im finanziellen Sinne.

Alles ist eine Frage des Grades an Erschöpfung.

Am Anfang steht das zu viel an Informationen und der enorme Wille, gepaart mit starker Disziplin. Ich zwinge mich dazu weiterzumachen, weil es das ist, was ich will. Ich weiß, ich muss den Weg gehen und ich tue alles, was nötig ist, um dies auch zu erreichen. Ich bin ein so schrecklich ehrgeiziger Mensch. Als nächstes folgt die innere Unruhe. Ich spüre erste Zeichen der Erschöpfung, aber ich schaffe es einfach nicht, mich zu entspannen, obwohl ich die Möglichkeit dazu hätte. Ich treibe mich immer weiter, suche mir permanent neue Aufgaben und komme nicht zur Ruhe. Danach fange ich an, die Welt nicht mehr richtig zu verstehen. Alles und jeder um mich herum wird seltsam. Unverständlich. Alles wird zum Kauderwelsch, nichts ist mehr erklärbar. Und dann greift das, was gefühlt eh schon in mir liegt. Ich bin eine Belastung. Ich bin eine schrecklich nervige Angelegenheit und ich gehe sowieso nur allen auf den Sack. Sogar den Leuten im Bus, die sich plötzlich alle von mir weg setzen. Stinke ich? Ich weiß es nicht. Ich finde eigentlich nicht. Aber irgendwas muss es ja sein. Ich fange an mich für mich zu schämen. Je mehr ich mich schäme, umso schüchterner werde ich, umso weniger gehe ich mit Problemen, die ich nicht allein lösen kann, auf meine Mitmenschen zu und bitte um Hilfe. Es staut sich auf, kummuliert und ich schäme mich noch mehr, für meine Unfähigkeit, irgendetwas hinzukriegen. Ich will nicht nerven. Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht und ob alles läuft, antworte ich mit: Ja klar, alles in Ordnung, läuft gut. Und weil ich gelernt habe, dass mir das nur dann abgekauft wird, wenn ich von irgendwas tollem erzähle, krame ich schnell noch irgendetwas raus, was mich wirklich gefreut hat. Damit es auch überzeugend ist. Bewusst bin ich mir dessen nicht. Ich tue es einfach. Ich weiß nicht warum. Ich halte den Schein aufrecht, denn ich möchte nicht nerven, möchte nicht anstrengend sein, möchte niemanden belasten mit meiner Unfähigkeit.

Der Grad an Erschöpfung nimmt immer nur weiter zu. Je mehr ich schweige, je mehr ich nicht hinkriege, umso größer wird die Last. Ich habe nicht verarbeitet und verliere Stück für Stück eine Fähigkeit nach der anderen. Das ist das fatalste an allem. Denn ich denke: Aber ich kann das doch eigentlich, wieso kriege ich das nicht hin? Ich muss mich nur ein wenig mehr anstrengen! Und je mehr ich mich anstrenge, umso mehr Fähigkeiten verliere ich.

Ich verstehe nichts mehr.

Das Endstadium, sozusagen. Ich verstehe nicht mehr, warum die Menschen handeln, wie sie handeln. Ich bin nicht mehr in der Lage, auch nur winzigste Konsequenzen abzuschätzen. Ich verstehe ihre Worte nicht mehr. Alles klingt seltsam in meinen Ohren. All die Regeln, die gelten, verstören mich, weil ich nichts mehr davon zu kennen scheine. Ich hab doch mal gewusst, wie ich hier reagieren muss, wieso schweige ich schon seit 20 sek und bringe kein Wort raus? Ich rotiere.

Ich verstehe nicht mehr, wie einfachste Dinge funktionieren. Lernen wir etwas neues, bin ich fassungslos, weil nichts von dem was meine Lehrer sagen, noch einen Sinn ergibt. Ich sehe nicht mal den Zusammenhang zwischen Satz 1 und Satz 2. Alles separiert sich und steht alleine da. Nichts gehört zusammen. Irgendwann gibt es nur noch Worte, aber keine Sätze mehr und die Worte ergeben in der Reihenfolge keinen Sinn. Ich muss mich enorm konzentrieren, um mal zwei Sätze verstehen zu können. Danach breche ich erschöpft zusammen. Und wo kommen all diese nervigen Geräusche her? Warum muss es hier so hell sein?

Es ist vollkommen egal, worum es geht, was ich tue. Ich verstehe nichts mehr. Was ich dabei allzu gerne vergesse, ist, dass das Verstehen ein Skill ist. Es ist nicht so, als wäre das alles intuitiv und ich könnte weiter verstehen, was geschieht. Es ist ein Skill, der hohe Konzentration von mir fordert. Bin ich zu erschöpft, dann verliere ich meine Skills. Die Welt versinkt im absoluten Chaos. Und dann kracht es. Gewaltig. Ich explodiere. Innerhalb kürzester Zeit bricht alles aus mir heraus. Ein Problem nach dem anderen wird verarbeitet, aktuelles liegt brach. Ich arbeite auf. Dinge, die vielleicht schon monatelang brach lagen, werden von mir hervor geholt und zur Diskussion in den Raum gestellt. Ich breche das Schweigen, denn ich kann nicht mehr schweigen. Ich kann einfach nicht mehr. Es gibt nichts auf dieser Welt, was ich als so anstrengend erlebe, wie das Schweigen.

Und dann lasse ich los.

Es beginnt mit einem lösen der Muskulatur. Ich spüre, wie ich kaum noch in der Lage bin, Anspannung zu halten. Ich lasse einfach los und was meine Gedanken in erster Linie beherrscht, ist ein Anflug von Scheißegal. Mir wird alles so endlos scheißegal. Mir wird egal, ob ich pünktlich bin. Mir wird egal, ob ich für die Klausur gelernt habe. Mir wird egal, was aus meiner Note wird. Mir wird egal, was mit mir geschieht. Leider mache ich mir dafür Vorwürfe, aber ich sollte das nicht mehr tun. So bewusst ist es mir zum ersten Mal. Es ist kein schlechtes Zeichen, dass mir alles egal wird. Es bedeutet nur, dass ich aufhöre, mich krampfhaft in etwas fest zu beißen. Und wenn mir alles egal ist, dann bricht die maßlose Erschöpfung aus mir heraus. Ich wünsche mir, nicht mehr zu leben, weil ich einfach nicht mehr kann. Ich bin am Ende und ich möchte einfach nur endlich meine verdammte Ruhe haben. Aber nie ist da Ruhe. Ruhe gibt es nur eine. Die ewige. Sonst nicht. Nur die will ich auch nicht. Also bleibe ich im scheißegal und warte. Warte auf das erste Zeichen, das erste falsche Wort, um los brechen zu können. Ausbrechen zu können. Um alles auf einmal nach außen zu kehren, was mich schon seit gefühlten Ewigkeiten beschwert. Dann breche ich erschöpft zusammen. Nicht mehr traurig. Nur müde. Und dann warte ich weiter. Ich warte in meiner Wohnung, die ruhig und dunkel ist, so lange, bis ich ausreichend Kraft gesammelt habe, um Sport machen gehen zu können. Und dann kann ich wieder anfangen in meine Routinen zurück zu kehren und ich verstehe die Welt auch wieder.

Irgendwo finde ich meist das Schreiben wieder. Für wie lange ist dann die Frage. Manchmal reichte es für einen Text, manchmal für zwei. Und dann war das Außen auch schon wieder zu überwältigend. Ich warte nun ab und schaue, wie lange ich diesmal in diesem Modus bleiben darf und wann ich wieder heraus gerissen werde. Vielleicht eine Woche? Vielleicht zwei? Anfang Mai fängt das Praktikum an und dann wird es wohl wieder so weit sein. Vielleicht ja auch nicht. Wer weiß. Ich lasse mich überraschen und rüste mich schon einmal für die nächste Runde.

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One response to “Und täglich grüßt das Murmeltier

  • Daniel Rehbein

    Danke für diesen tiefen Einblick. Daß plötzlich die Sätze des Lehrers in ihre einzelnen Worte auseinanderbrechen, daß nichts mehr einen Zusammenhang zu ergeben scheint, das muß ja eine sehr surreale Situation sein.

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