Mit Einbrüchen umgehen

Die Schule ist aus. Aus und vorbei. Vorerst zumindest, aber sie wird für den Rest der Ausbildung nur noch den Montag in Anspruch nehmen. Und die nächsten Monate ist auch erst einmal ganz Pause. Das macht so unglaublich viel mit mir. Ich entspanne mich das erste Mal seit 9 Monaten so richtig, weil ich weiß, der Druck ist nun raus. Ich darf nun entspannen und kann einfach arbeiten gehen und genießen, was diese Zeit so mit sich bringen wird. Aber da nun das große Lernziel wegfällt, brauche ich ein neues Ziel, auf das ich mich erst mal konzentrieren kann. Ich entschied mich dazu, ein Intervalltraining im Laufen anzugehen und habe mir gleich einmal einen Trainingsplan aufgestellt. Dennoch gibt es einen Gedanken, der mich immer wieder einholt.

Was soll ich tun, wenn ich wieder einbreche?

Egal, was ich mir vornehme, irgendwann kommt der Punkt, an dem kann ich nicht mehr. Dann breche ich ein, brauche eine Pause, weil ich meinem Körper zu viel abverlangt habe. Es ist immer wieder dasselbe. Ich nehme mir immer wieder tolle Dinge vor, die ich auch ganz großartig finde und dir mir schrecklich gut tun und doch kann ich nichts dagegen tun. Irgendwann ist es einfach so weit. Besonders schwer ist es für mich, wenn diese Leistungsmarken von außen gesetzt werden und ich dann im Einbruch weiter und weiter kämpfen muss, weil ich mir den Einbruch gerade einfach nicht erlauben kann. Es sind genau diese Dinge, die gewaltig an meinem Selbstwertgefühl ziehen. Ich mache mir massive Vorwürfe, warum ich nicht in der Lage bin, das durchzuhalten. Es setzen Kompensationsmechanismen ein, die eher destruktiv, als konstruktiv arbeiten, also langfristig betrachtet. Zuletzt habe ich mit Essen kompensiert, weil ich mein Energiedefizit ausgleichen wollte und habe ordentlich was zugenommen, weil ich gleichzeitig vor Erschöpfung und Widerwillen komplett gelähmt war. Das wirklich Schlimme ist aber die Ahnungslosigkeit. Die Hilflosigkeit. Ich liege da und denke nach und denke nach und mir fällt einfach nichts ein. Wie soll ich damit umgehen? Was kann ich tun, um mich zu erholen? Die Antwort auf alle Ideen, die ich habe, ist immer gleich: Das geht jetzt noch nicht, das kann ich mir jetzt noch nicht erlauben! Denn eigentlich fällt mir nur eines ein. Pause machen. Einfach mal zwei, drei Tage rumliegen, Kraft tanken, Gedanken aufräumen, hinterher kommen, entspannen.

Eigene und fremde Leistungsmarken

Meine eigenen Leistungsmarken habe ich mir bisher immer für die Ewigkeit gesetzt, was denselben Effekt hervor bringt, wie bei den Leistungsmarken, die von außen gesetzt werden und beim planen meines Trainingsplans stolperte ich zum ersten Mal darüber, weil dieser nämlich nur einen Zeitraum von 6 Wochen umfasst. Ich war erst irritiert davon. Ich dachte Und was mache ich danach? Wie geht es denn dann weiter? Das muss ich doch jetzt schon wissen! Aber wisst ihr was? Nein, dass muss ich nicht. Es ist vollkommen egal. Die nächsten 6 Wochen sind geplant und es kommt noch viel besser. Ich darf mir nach diesen 6 Wochen eine Pause gönnen. Ohne vorher einbrechen zu müssen (zumindest wenn ich meine Leistung gerade korrekt einschätze, dass ist ja ein ganz anderes Problem, das auch noch im Raum steht). Ich darf mir also bei eigenen Leistungsmarken den Luxus erlauben, sie nur da hin zu setzen, dass sie auch realistisch erreichbar sind und sich statt Frust, Trauer und Wut auch Freude, Zufriedenheit und Stolz entwickeln darf. Kleine Schritte eben. Um mal etwas geschafft zu haben.

Wenn mich heute jemand fragen würde, ob ich schon mal etwas geschafft habe, dann kann ich nur mit einer einzigen Sache antworten. Dem Abi. Und auch das habe ich eigentlich nur geschafft, weil ich von meinem Schulleiter mühselig über die Ziellinie gehievt wurde. Also ganz genau genommen habe ich noch überhaupt nie etwas geschafft. Jetzt bin ich an einem Punkt, an dem ich mich fragen muss, inwiefern ich das auch selbst Schuld war. Ich kannte das ja noch gar nicht, dass man sich eigene Leistungsmarken stecken darf und die nicht immer nur von außen angelegt werden. Früher musste ich schaffen, was andere von mir erwarteten. Heute darf ich selbst wählen und weil ich nicht wusste, dass ich darin frei bin, habe ich es genau so gemacht, wie ich es nur kannte. Für immer, gleichbedeutend mit der zwingend folgenden Überlastung. Und dann kommt da dieses Intervalltraining um die Ecke, dass mir zeigt: Es geht auch anders. Du bist frei in deiner Entscheidung.

Intrinsische vs. Extrinsische Motivation

Und letztenendes ist es genau das, was den Unterschied zwischen extrinsischer und intrinsischer Motivation darstellt. Die Schule, der Sportverein, der Musikunterricht. Immer war ich nur mit extrinsischen Motivationen und damit auch mit von außen gesetzten Leistungsmarken konfrontiert. Dass die Sache ganz anders läuft, wenn ich mir meine Marken selbst setze, wenn ich mich selbst dazu entscheide, etwas bestimmtes erreichen zu wollen und mir dafür einen Zeitrahmen stecke, darauf wäre ich wahrscheinlich von allein nie gekommen. Es war einfach nicht denkbar für mich. Und natürlich werde ich noch mein halbes Leben mit extrinsischen Motivationen konfrontiert sein, in der Schule, im Studium, bei der Arbeit, aber je weniger Schule etwas ist, umso mehr darf ich mir meine eigenen Marken setzen. Damit ich erfolgreich sein kann und sagen kann: Das habe ich geschafft. Wow!

Ich frage mich natürlich auch, wenn wir in der Schule so auf extrinsische Motivationen gedrillt werden und diese auch nie wirklich abnehmen, wie viele Menschen haben da genau so ein Brett vor dem Kopf, wie ich? Und welche Arbeit müssten sie leisten, um es beiseite zu legen? Ich musste unfassbar viel Arbeit leisten, um es beiseite zu legen. Und wie viele scheitern ihr Leben lang daran? Und wie viele sind wie ich, die mit extrinsischen Motivationen nicht im geringsten umgehen können, weil sie nie, aber auch wirklich niemals, das eigene Vermögen, die eigene Ausdauer, die eigene Verarbeitung treffen, sondern immer ein zu viel darstellen? Wie grausam.

Dabei stellt das zu viel bei mir vor allen Dingen eine zeitliche Komponente dar. Ich habe nicht die Ausdauer. Ich muss mehr verarbeiten. Darum brauche ich mehr Zeit, eher eine Pause. Das vorherrschende Gefühl der letzten Wochen war vor allen Dingen ein: Ich komme nicht mehr mit, ich bin voll, ich muss verarbeiten … scheiße, nun bin ich abgehängt, wie komme ich nun hinterher? Ich bin nicht intellektuell überfordert. Ich bin mit der Masse überfordert. Und je länger eine Phase andauert, je mehr Zeit vergeht, bis eine Marke erreicht ist, umso größer wird die Masse. Nicht der Inhalt ist zu kompliziert. Er ist zu massiv. Zu allumfassend. Und so kommen die Fehltage zustande. Erzwungene Pausen, die zum verarbeiten gedacht sind. Und warum habe ich dann ein schlechtes Gewissen, wenn ich diese Pausen nehme? Weil ich die von außen gesetzte Leistungsmarke nicht erreicht habe. Weil das nichterreichen von von außen gesetzten Leistungsmarken in der Regel Sanktionen mit sich führen. Im schlimmsten Falle die Kündigung.

Jetzt durfte ich auf meiner Schule zum ersten Mal erleben, dass diese erzwungenen Pausen sanktionsfrei blieben und auf jedes Fehlen mit Sorge und Fürsorge reagiert wurde. Mit lieben, aufbauenden Worten. Dass ich eine tolle Schülerin bin und dass ich klug bin und dass ich eine Bereicherung bin. Und plötzlich verwandelt sich der Druck, den extrinsische Motivation mit sich bringt, in eine Form von Lust, weil die extrinsische Motivation durch intrinsische ersetzt wird. Nicht ganz, denn da sind immer noch die Klausuren. Aber der Freiraum, der mir gewährt wurde, zeigt mir doch, dass es einen Spielraum gibt und ich innerhalb der von außen gesetzten Leistungsmarken eigene Leistungsmarken setzen kann. Ohne schlechtes Gewissen, denn ich darf die zeitliche Begrenzung selbst wählen.

Beispielhaft im Sport lernen

Ich lerne das nun also erst einmal anhand des Intervalltrainings. Wissen heißt nicht verinnerlicht. Dieser Gedanke will gefestigt werden und das gelingt mir derzeit am Besten mit dem Sport, den ich in den nächsten 6 Wochen machen möchte. Denn dort existiert überhaupt gar keine extrinische Motivation, sondern einzig und allein intrinsische Motivation. Wenn ich das dort erst einmal verstanden habe, kann ich anfangen, auch in gemischten Bereichen zu wirken. Selbstwirksamkeit ist also das große Thema. Was liegt in meiner Hand? Offensichtlich mehr, als ich geglaubt habe.

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One response to “Mit Einbrüchen umgehen

  • lizzzy07

    Ich habe zur Zeit ein gegenteiliges Problem: Ich möchte etwas und mir wird es nicht erlaubt. Ich möchte gern wissen warum. Wird jetzt Eigeninitiative bestraft? (Mal abgesehen davon, dass sich in dem Fall ohne Eigeninitiative nichts tun würde).

    Andrer Sachverhalt: Ich weiß nicht, ob es auf einem normalen Gymnasium so viel Spaß gemacht hätte. Jetzt quäle ich mich freiwillig und sogar gern durch den Abistoff. Einfach weil ich etwas bezwecken will: studieren können.

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