Die Sache mit den Routinen

Routinen sind wichtig für mich. Sie machen mir überhaupt erst möglich, der zu sein, der ich nun mal bin. Sie entspannen und beruhigen mich. Umso schlimmer, wenn ich mal aus ihnen heraus falle. Dabei habe ich zwei verschiedene Arten gefunden, wie ich aus meinen Routinen heraus falle. Körperlich reagiere ich da vollkommen unterschiedlich drauf, weshalb es für mich recht wichtig ist, dass alles zu verstehen.

Der extrinsische Weg

Zum einen falle ich manchmal heraus, weil andere Menschen mich dazu „zwingen“, indem sie mir ihre Wünsche aufdrängen. Dann muss ich mich kurzzeitig nach ihnen richten und bin so nicht in der Lage, meinem eigenen Leben nachzugehen. So wie jetzt zuletzt, als ich 4 Tage Besuch aus der Familie bekam.

Versteht mich bitte nicht falsch, auch wenn ich meiner Familie regelmäßig den Hals umdrehen will, weil sie mal wieder vollkommen ignorant und intolerant, ich möchte fast sagen kindisch, agieren, liebe ich sie dennoch sehr und ich freue mich auch sie zu sehen und ab und an Zeit mit ihnen zu verbringen. Dennoch stellen sie einfach eine massive Unterbrechung meiner Routinen dar und gefühlt wird mir hier bereits Gewalt angetan. Es wird umso schlimmer, je weiter weg alles von meinen eigenen Interessen ist und da ich in meiner Familie sehr verdreht bin, haben wir hier selten irgendwelche Gemeinsamkeiten. Weil ich sie aber liebe, und möchte, dass sie glücklich sind, erlaube ich ihnen dieses mich missachtende Verhalten. Der Deal ist dafür, dass das maximal nur einmal im Jahr geschehen darf und ich die Häufigkeit an Kommunikation im restlichen Jahr bestimmen darf.

Nichtsdestotrotz passiert jedes Mal das Gleiche. Ich möchte permanent davon laufen, muss mich unglaublich zusammen reißen, um nicht zynisch zu werden, weil ich so unerträglich finde, was wir tun. Es ist permanent laut, stickig, stinkig und viel zu hell. Wir besuchen hier ja keine Orte, die mich bewegen und an denen ich mich wohl fühle, sondern wieder und wieder all die Touristenattraktionen.

Das ganze ist so anstrengend für mich, weil ich die gesamte Zeit über keine Ruhe gegönnt bekomme, dass mein Immunsystem zusammenbricht, mein Verdauungssystem zusammenbricht, mein Schlafrhythmus verloren geht und schlußendlich die Hygiene in meiner Wohnung und an meinem Körper vernachlässigt wird. Die Folge ist in der Regel, dass mein Körper so durcheinander und aufgewühlt ist, dass er krank wird und dann dauert es erst einmal wieder eine Weile, bis ich wieder auf dem Damm bin. Bis dahin fühle ich mich schlichtweg grausam und ich muss hart dafür arbeiten, um alles wieder in mein Gleichgewicht zu bekommen. Da vergehen dann ein paar Wochen, bis alles wieder in normalen Parametern läuft.

Der intrinsische Weg

Ich gestalte mein Leben, mein Umfeld, ich verändere Dinge. Mal vor und mal zurück. Ein ewiges Trial and Error Spiel, um die besten Bedingungen, die wohltuendsten Menschen, die fordernsten Tätigkeiten zu finden, mit denen ich mich wohl fühle, an denen ich Spaß habe und an denen ich wachsen kann. Es gibt keinen Moment, in dem ich nicht an meinem Leben bastel und es verändere, um eine Verbesserung herbei zu führen. Ich will nur das allerbeste für mich.

Von Zeit zu Zeit habe ich dann aber so viele Dinge verändert, dass meine alten Routinen nicht mehr funktionieren. Schleichend falle ich nach und nach aus ihnen heraus, weil ich zu erschöpft für sie bin, oder weil sie mich nicht länger befriedigen. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich, denn das bedeutet, dass meine Leistung variabel ist. Nur weil ich einmal etwas gelernt habe, heißt das nicht, dass ich meine Anforderungen permanent steigern kann, sondern ich sie hin und wieder auch mal absenken muss. Bloß aufgrund der außeren Umstände, die ich variiere, liegt meine Leistung auch mal bei 60% und nicht mehr bei 100%.

Das Problem dabei ist, dass ich nicht gut darin bin, zu erfassen, inwiefern ich meine neuen Anforderungen anpassen muss, ob ich zu meinen alten Leistungen zurück kehren kann, ich weiß meistens nicht einmal, ob ich meine Anforderungen hoch oder runter schrauben muss. Ich brauche recht lange, um überhaupt zu verstehen, dass diese Phase der Anpassung mal wieder erreicht ist und dann nochmal dieselbe Zeit, um zu greifen, was ich ändern muss und wohin ich es ändern muss. Und dann noch einmal Zeit, um die Anpassungen auch vorzunehmen.

Das ich meine Routinen anpassen muss, verstehe ich derzeit in dem Augenblick, an dem ich merke, dass ich haltlos bin, hilflos und ich anfange an allem zu zweifeln. Habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen? Ist das Lebensmodell, dass ich gewählt habe, dass richtige für mich? Bin ich wirklich zufrieden damit, dass ich auf dieses und jenes verzichte, um dieses und jenes zu erreichen? Habe ich mich geirrt? Dabei stürzt mich jede Lücke in meiner Argumentation weiter in den Strudel aus Unsicherheit, Selbstzweifeln und Angst. Und während ich so wild vor mich hin diskutiere und immer panischer werde, weil meine gesamte Zukunft dem Untergang geweiht scheint, habe ich irgendwann einen kurzen Lichtblick und verstehe, dass mir gerade mein Gerüst fehlt. Meine Basis. Mein Koordinatensystem, an dem ich mich entlang hangeln kann. Mir fehlen meine Routinen. Viel zu lange dauert das noch, ich muss lernen, früher einzugreifen.

Wenn ich das dann aber verstanden habe, dann versuche ich mir meine neuen Routinen zu erarbeiten. Ich fühle mich aber jedes Mal wie gelähmt, weil die Auswahl an Möglichkeiten schier unendlich zu sein scheint. Wenn ich mich doch nur besser einschätzen könnte, oder ein geeignetes Werkzeug besitzen würde, dass mir bei meiner Einschätzung helfen kann. Derzeit habe ich da keine Hilfe. Derzeit behelfe ich mir mit einer Mind-Map zum Thema „Was will ich?“ und kann dann zumindest einschätzen, wohin ich gehen will. Über ausprobieren finde ich heraus, welches Maß richtig für mich ist und dann versuche ich es zu stabilisieren, manches auch zu steigern und entwickle mehrwöchige Programme, um das zu erreichen. Langfristig fänd ich es aber schön, wenn ich es vor allen Dingen schneller merke, aber auch wenn ich sicherer einschätze, welches Maß richtig für mich ist. Zumindest bin ich stolz darauf, dass überhaupt verstanden zu haben. Bekanntlich ist ja genau das der erste Weg, der beschritten werden muss!

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