Mein Körper und Ich

Pickel … *seufz

Als ich heute Mittag völlig gestresst zum Klo rannte, weil doch meine Beurteilung heut Nachmittag anstand, schaute ich in den Spiegel. Im Bad hängen LED-Birnen, deren Helligkeit sich weit jenseits von Gut und Böse befindet. Während ich mich so anschaute, wurde ich traurig. Ja, sie gehen schon wieder weg. Ja, das Licht macht es schlimmer als es ist. Und dennoch, es macht mich traurig.

Ich schlurfe zu meinem Spint und drehe eine Zigarette. Als ich die Tür aufmache, fällt mir meine Zigarette aus der Hand, seufzend hebe ich sie wieder auf. Ich bin schon wieder tollpatschig. Während ich die Treppen runter gehe, denke ich nach. Eigentlich könnte ich sagen, die roten Flecken, die noch zu sehen sind, sind wie ein Mahnmal. Vergiss nicht dich von Menschen fern zu halten, sagen sie mir. Den Gedanken finde ich gar nicht so verkehrt. Ich durchdenke alles von Anfang an …

Ich werde gewaltsam in eine enorm kräftezehrende Sozialsituation gerissen und in ihr festgehalten. Keine Fluchtmöglichkeit. Zu keinem Zeitpunkt. Flüchten kann ich nur in eine andere, enorm kräftezehrende Sozialsituation. Ich fühle mich stark und denke, das schaffe ich doch mit Links, so stark wie ich inzwischen bin. Also halte ich durch, doch ich merke, wie ich immer schwächer und schwächer werde. Wie ich immer genervter und genervter werde. Ich immer sarkastischer werde, ja zynisch irgendwann. Ich knirsche mit den Zähnen, meine Schultern sind angespannt. Die Kopfschmerzen beginnen, der Rücken tut weh, der Nacken will sich nicht mehr so recht bewegen lassen. Egal, ich gehe weiter, ich schaffe das. Ich bin stur.

Bis ich vor Erschöpfung zusammen breche und da sind sie auch schon. Pickel. Hielt ich mich vorher noch für stark. attraktiv und belastbar, lehrt mich jetzt jeder Blick in den Spiegel etwas anderes. Ich fange an mich für mich zu schämen. Ich fühle mich hässlich, minderwertig. Ich traue mich nicht mehr unter Leute, weil ich sie nicht mit diesem grausamen Anblick belästigen will. Ich vermeide daher jeden Kontakt zur Außenwelt. Nur das nötigste. Nicht reden. Schon gar nicht sehen. Und anfassen am allerwenigsten. Ein Kaffee an der Alster? Ganz sicher nicht! Tonnen Schokolade, Pizza, Kartoffelgratin, nur schön fettig oder süß muss es sein. Damit ich mich noch mehr schämen kann. Da sind sie wieder, die 2 kg zu viel. Ich fühle mich jetzt nicht mehr bloß hässlich, ich fühle mich fett und hässlich. Und faul, denn ich mache keinen Sport. Eine Zumutung für die Menschheit! Mein Körpergeruch verändert sich, ich hänge mir permanent in der Nase und drehe bald durch, ich rieche furchtbar. Ich ziehe mich vollkommen zurück aus der Welt.

Wie klug, wie perfide, wie elegant und hinterfotzig. Ich schäme mich so sehr für mich selbst, dass ich mir gebe, was ich brauche. Ruhe. Schlaf. Dunkelheit. Allein-sein. Ich fühle mich so schlecht, dass ich meide, was mir am meisten schadet. Menschen. Denn bewusst hätte ich diese Entscheidung niemals getroffen, ich hätte sie mir nicht eingestanden, also muss mein Unbewusstsein zur Tat schreiten. Und mein Unbewusstsein ist bekannt dafür, sich grausamer Mittel zu bedienen, um zu erreichen, was ich brauche.

Die roten Flecken in meinem Gesicht, sie sind ein Mahnmal dafür, dass ich mal wieder nicht auf mich geachtet habe. Sie erinnern mich daran, dass ich noch vorsichtig sein muss, denn ich bin noch nicht ganz wieder fit. Das werde ich erst sein, wenn sie wieder weg sind. Meine Gelüste verändern sich wieder. Ich nehme wieder ab. Mein Geruch verändert sich. Schlußendlich verändert sich wieder meine Wahrnehmung von mir selbst. Ich mag mich wieder. Und bleibe zurück, fasziniert von meiner Zielstrebigkeit, meiner Konsequenz, fassungslos ob der Grausamkeit, die ich mir selbst ins Gesicht schlage. Vielleicht sollte ich lernen, die Zeichen früher zu erkennen?

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