Zusammenbrüche

Sie werden seltener. Doch wenn sie kommen, dann immer gleich. Mir entgleitet eine Situation. Ich verliere die Kontrolle darüber. Vielleicht hatte ich nie Kontrolle darüber. Das weiß ich nicht einmal. Ich bin schrecklich überfordert, ich weiß nicht was ich tun soll. In meinem Kopf rattert es, ich rotiere, suche nach Lösungen und finde ja doch keine. Ich verzweifle, versuche mich abzulenken, verdränge das Ganze aber dann doch nur. Und während ich so verdränge, passiert etwas, was ich (bisher) nicht verstand.

Ich arbeite ziemlich hart an mir, denn ich habe die Schnauze voll davon, nicht leisten zu können, was ich selbst gerne leisten möchte. In den letzten zwei Jahren habe ich schon sehr viel geschafft und ich bin inzwischen auf einem Niveau, mit dem ich sehr zufrieden bin. Zwei Monate am Stück konnte ich jetzt zuletzt in etwa das Tempo gehen, dass ich selbst gerne gehen möchte. In dem ich mich wohl fühle. Ich habe mir dazu eine Perspektive erarbeitet, die ich gerne mag, ich hab mir meine Filterbubble gebastelt, in der es möglichst wenig Kontakt zu denen gibt, die mich runterziehen und mir schlecht tun. Ich habe an meiner Resilienz gearbeitet, an meiner Fähigkeit zu vergeben und Erlebnisse aktiv zu bewerten und mich nicht von meiner Vergangenheit herum schubsen zu lassen. Ich bin cool mit meiner Vergangenheit, dem meisten zumindest, den Rest arbeite ich ebenfalls nach und nach auf, um eines Tages durch und durch im Reinen zu sein. Meine Familie, nicht die meines Blutes, ist perfekt, ich habe die zwei wundervollsten Menschen um mich herum, die ich mir nur wünschen kann und der Bekannten- und Freundeskreis entspricht inzwischen ebenfalls einem angenehmen, positiven Umfeld.

Und irgendwann finde ich mich doch in einer Phase wieder, in der ich vollkommen unkonzentriert bin. Kraftlos bin. Appetitlos, traurig, antriebslos. Ich bekomme kaum etwas gebacken und weiß nicht, woher das kommt. Ich verstehe es nicht und fange an zu suchen, doch nichts ergibt hier einen Sinn. Als erstes schaue ich auf die Arbeit, denn hier beobachte ich die größten Beeinträchtigung. Aber ich streite mich nie, ich kenne niemanden gut genug um gemocht oder nicht gemocht zu werden und zu mögen oder nicht zu mögen. Ich halte mich vollkommen raus, aus sozialen Aktivitäten mit Kollegen. Ich bin nicht überfordert, nicht unterfordert. An sich. Aber durch die Kraftlosigkeit, die Antriebslosigkeit, komme ich nach und nach in Verzug. Und das macht mir ein schlechtes Gewissen, denn ich finde die Ursache für mein Verhalten nicht und ich weiß, dass mir das sehr wahrscheinlich als negative Charakterzüge ausgelegt werden würde. Das macht mich zunehmend nervös, denn ich will die Ursache beseitigen, ich kenne sie bloß nicht und weiß schlicht nicht was ich tun soll.

Je länger diese Phase andauert, umso nervöser werde ich, umso aufgeregter suche ich, umso kopfloser werde ich, umso nervöser werde ich, umso aufgeregter … na ihr versteht das Problem sicher. Ich fange jetzt an, grobe Fehler bei der Arbeit zu machen. Alles noch nichts schlimmes, aber es wird immer auffälliger. Das macht mich immer unsicherer, so dass ich sehr schnell kaum noch Vertrauen in mich habe und bald in vollständige Lethargie verfalle. Ich sitze nur noch herum, oder tigere unmotiviert über die Flure. Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis ich mich zum ersten Mal krank melde, weil ich zu viel Angst habe, viel zu verzweifelt bin und sowieso weiß, dass ich ab jetzt alles nur noch schlimmer mache, egal, wie ich mich verhalte. Gehe ich doch mal zur Arbeit, versuche ich verzweifelt mich zu rechtfertigen und das falsche Bild von mir wieder gerade zu rücken. Ich bin nämlich nicht faul und auch nicht dumm, schon gar nicht uninteressiert und ich bin auch nicht von der Fülle der Arbeit überfordert. Wenn überhaupt bin ich fachlich unterfordert. Aber ich bin nicht das, was ihr denkt, was ich bin. Ich weiß nicht was los ist, ich sehe das Problem nicht, sonst würde ich es ja ändern! Hier ist die Spirale nach unten nun perfekt, denn niemand glaubt mir, weil es eben bei allen anderen nicht so ist, wie bei mir. Wobei, eigentlich doch, aber das ist ein ganz anderes Thema. Ich hänge fest und komme nicht heraus. Ich verzweifle.

In meiner größten Verzweiflung habe ich dafür die besten Ideen. Plötzlich schiebt sich etwas von der Seite in meine Aufmerksamkeit und mir dämmert bald, was das Problem ist. Auch wenn ich mich natürlich auch vorher schon mit diesem Problem auseinander gesetzt hatte, es war mir einfach nur nicht bewusst. Ab hier geht alles ziemlich schnell. Ich weine, schreie, schlage meinen Kopf gegen den Boden, werfe Gegenstände durch die Wohnung, denn inzwischen habe ich zwei bis drei Overloads am Tag, während ich dazwischen großteils im Shutdown verharre. Die winzigen Spielräume dazwischen versuche ich zur Problemlösung zu nutzen, denn darin bin ich gut. Und wahnsinnig bin ich auch. Das ist hilfreich in diesen Situationen. Dann fälle ich auf einmal meine Entscheidung und plötzlich bin ich ultrafokussiert. Schlag auf Schlag erledige ich jetzt alles, was getan werden muss und bin dabei enorm zielorientiert. Habe ich alles erledigt, breche ich erschöpft zusammen, erkenne, was da eigentlich passiert ist und versinke in meinem letzten, langanhaltenden Heulkrampf.

An diesem Punkt ist alles zusammen gebrochen. Ich liege auf meiner Couch, weine ab und an, schaue Serien und esse. Ich esse. Und esse. Ich höre gar nicht mehr auf zu essen. Irgendwann sitze ich in einem Berg aus Verpackungsmüll. Pizzakartons, Chipstüten, Schokoladenpapiere. Schritt für Schritt rappel ich mich wieder auf, doch am Besten hilft mir hier, geistig in eine Herausforderung geschubst zu werden. Ich muss jetzt etwas lernen, in einem Bereich, den ich liebe. Damit ich meinen Fokus zurück setzen kann. Leider neigen die Menschen aufgrund ihrer Erfahrungen dazu, mich in diesen Situationen besonders zu schonen, was meinem Genesungsprozess nicht besonders zuträglich ist.

Das ist mein Zyklus, wenn ich vor eine Herausforderung gestellt werde, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe, sondern vor die ich einfach gestellt werde. Besonders, wenn von mir eine ganz  bestimmte Fähigkeit verlangt wird. Verhandlungsgeschick mit Menschen, um sie dazu zu bekommen, etwas zu tun, was ich brauche und worauf sie keine Lust haben, oder womit sie ihrerseits überfordert sind. Der Zeitraum beträgt in der Regel ein bis zwei Monate. Inzwischen. Denn darauf habe ich sie bis jetzt herunter gekämpft. Noch vor zwei Jahren dauerte dieser Zyklus vier bis fünf Monate. Die Zeit kämpfe ich mir dabei herunter, indem ich die Technik des aktiven Träumens nutze, indem ich Anker setze, mir meiner bewusst werde. Es ist viel Arbeit, aber ich bin guter Dinge, dass ich das alles noch weiter herunter kämpfen kann. Früher existierten davon mindestens zwei Probleme gleichzeitig, meistens eher fünf bis sechs gleichzeitig. Heute sehe ich mich nur noch ab und an einem dieser Probleme konfrontiert. Dazwischen existiert sogar problemlose Zeit und das ist meine Hauptarbeit. Diese Zeiten zu verlängern. Während ich gleichzeitig das Erkennen meiner Probleme trainiere, indem ich meine Verhaltensmuster per Ankersetzung erkennen kann, nachdem ich die Muster analysiert hatte. Es geht vorwärts.

Advertisements

One response to “Zusammenbrüche

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: