Wenn ich mich krank melde …

Zuerst einmal, ich habe eine enorme Selbstdisziplin. Ich glaube, ich bin in diesem Punkt schon recht überdurchschnittlich bestückt und wenn ich etwas kann, dann ist das mich zusammen zu reißen und zu machen, was gemacht werden muss. Ich drücke mich nie ohne triftigen Grund vor Aufgaben. Und genau hier liegt eines meiner größten Probleme, denn die Konsequenzen für mich kann scheinbar niemand greifen.

Wenn ich mich nämlich doch einmal krank melde, dann aus gutem Grund. Nie käme ich auf die Idee, dafür habe ich ein viel zu großes Pflichtgefühl und es ist auch dieses Pflichtgefühl, welches mir hier im Weg steht, mich für lachs krank zu melden. Wenn ich mich krank melde, dann meistens an einem Punkt, an dem ich bereits unter den physischen Symptomen zusammen breche. Ich kotze, habe Durchfall, habe starke Schmerzen im Bauchraum, habe schon seit Tagen nichts mehr gegessen und gut etwas abgenommen. Ich höre kaum noch auf zu weinen, sitze immer wieder panisch in irgendeiner Ecke meiner Wohnung, wippe vor und zurück, nachdem ich mehrere Minuten lang meinen Kopf auf den schönen kalten Laminatboden gehauen habe, um nur endlich diese Messerstiche in der Mitte meiner Hirns los zu werden. Meine Muskeln sind bereits so steif, dass ich Angst habe, mir etwas zu brechen, was die Situation nicht besonders entspannt. Entspannung. Das ist das Wort. Das ist was fehlt. Und wenn ich nicht sofort eine Kehrtwendung mache, um endlich massiv für Entspannung zu sorgen, dann ist auch der nächste Burnout nicht mehr weit.

Kurzum: Ich leide Höllenqualen und ich beschwere mich in der Regel noch nicht einmal wirklich darüber. Ich verleihe meinem Schmerz auf Twitter ein wenig Ausdruck, dass ist der einzige Kanal, über den mir mein Leid anzumerken ist. Ansonsten bin ich weiterhin zu jeder Sekunde nach außen hin gefasst und ruhig. Zulassen kann ich das nur vor zwei Menschen und ansonsten eben ausschließlich allein. Ich möchte einfach nicht, dass mich jemand so sieht. Zu viel Angst habe ich vor dem Urteil, ich könnte das alles nur spielen. Also halte ich den Ball flach, akzeptiere, dass dies ein Teil von mir ist, der nun einmal da ist und versuche ihn zu zu lassen, so gut ich eben kann. Allein eben. Doch wenn dieser Teil immer mehr Raum einnimmt, dann ziehe ich mich zurück und dann melde ich mich auch schon einmal krank.

In meinem ersten Praktikum hat das zu einem Nachteil geführt. Damit kann ich noch leben, wenn nicht dieses unfassbar entwürdigende Abschlußgespräch stattgefunden hätte, von einer TA, die zuvor soziale Arbeit studiert hatte. Gut, dass sie in diesem Job nicht arbeitet. Ich möchte euch nicht das gesamte Gespräch wiedergeben, nur ein paar Highlights:

„Wir haben uns dazu entschlossen, dir lieber die schlechteren Noten zu geben, damit du den Ernst der Lage begreifen kannst.“

„Du solltest dir wirklich einen Therapeuten suchen, denn so wird dich später kein Arbeitgeber nehmen wollen.“

„Wir haben auch alle so unsere Probleme, aber wir reißen uns dann eben zusammen und lassen unsere Arbeit davon nicht beeinträchtigen. Das musst du auch hinkriegen, sonst sieht es schlecht aus für dich.“

Und zum Abschluß noch meinen Lieblingssatz:

„Ich weiß auch nicht, warum wir von eurer Schule immer nur die Pflegefälle abbekommen!“

Es geht hierbei im übrigen um einen Monat (von vieren), in dem ich nicht meine volle Leistung gebracht habe, sprich, nur 6-7h täglich gearbeitet habe und mich insgesamt für 4 Tage krank meldete + zwei Assays nicht gemacht habe, ohne das korrekt zu kommunizieren. So kam es zu diesem Gespräch und einem Notenabfall von einem sehr gut auf ein gut minus. Desweiteren wurde mir versprochen, würde ich in den letzten drei Wochen noch einmal gute Leistungen zeigen, würden die Noten wieder angehoben werden. Was de facto nicht passierte und ich fühle mich dadurch in die Irre geführt. Da hätte ich mir auch drei Wochen frei nehmen können und hätte dasselbe Ergebnis bekommen und ich hab mich echt zusammen gerissen, obwohl es mir noch richtig mies ging.

Mir geht das ganze echt unglaublich nahe. Heute habe ich dieses Erlebnis mit meiner Klasse geteilt und ich bin wirklich erstaunt über die Reaktion meiner Mitschüler. Denn obwohl ich nie wirklich etwas mit ihnen zu tun hatte, standen sie geschlossen hinter mir und bekundeten mir ihre Empörung über das Verhalten dieser Menschen mir gegenüber. Das hat mir allein schon enorm geholfen, denn es hat mir gezeigt, dass ich nicht übertreibe, ich mir die Grausamkeit nicht einbilde, sondern sie mir tatsächlich widerfahren ist und ich zurecht wütend, traurig und verletzt sein darf. Meine Emotionen wurden hier erstmals von einer größeren Gruppe validiert und das finde ich schon echt stark! Was ich jetzt daraus gelernt habe, dass weiß ich auch noch nicht so ganz genau. Darüber denke ich noch nach. Zu frisch ist das alles noch, entschieden habe ich mich auch noch nicht.

Wenn ich mich aber krank melde, dann aus gutem Grund. Einem MS-Patienten würde niemand schlechtere Noten geben, weil er eine Schub bekam und auch bei allen anderen Behinderungen würde jedem eingeräumt werden, dass es nicht anders ging. Aber ich? Ich bin Autist und man sieht es mir gemeinerweise noch nicht einmal an. Niemand weiß, welche Qualen ich leide und daher kann ich mich ja mal zusammen reißen. Es sei denn, ich erzähle, welche Qualen ich leide, dann bin ich wahlweise ein Simulant oder aber zu krank, um auf dem ersten Arbeitsmarkt zu arbeiten.
Gott sei Dank kann ich dazu nur sagen: Es sind nicht alle so und auch wenn es schwieriger für mich werden wird, werde ich nicht aufgeben und eben die Stelle finden, die zu mir passt und die meine Qualitäten zu schätzen wissen. Es liegt nicht an mir, aber es liegt an mir.

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