Entscheidungen

Ich habe Angst. Ich fühle mich wie ein Stück Treibholz, auf einem reißenden Fluss. Ich fühle mich hilflos, desorientiert, verzweifelt. Ob hinter der nächsten Abbiegung ein Wasserfall wartet? Wenn ja, wie hoch? Wie wild? Zerschelle ich an einem Felsen? Ich habe keinen Einfluss auf die Situation, ich kann nur warten. Aber ich will nicht warten. Ich will es beenden. Ich kann es nicht beenden. Ich muss aber. Ich drehe durch bei so viel Unsicherheit. Ich will die Kontrolle zurück. Ich will entscheiden. Nur wie? Wie soll ich mich entscheiden? Was ist richtig? Was ist falsch? Ich weiß es einfach nicht!

Wie alles begann …

Es geht mir schlecht. Schon länger. Alles fing an, als mir meine Oma eine Nachricht schickte, in der sie mir mitteilte, meine Mama käme nicht zum geplanten Besuch mit. Allerdings war der Besuch meiner Mama die Bedingung dafür, dass ich diesem Besuch überhaupt nur zugestimmt hatte, denn eigentlich kann ich meine Familie hier wirklich nicht gebrauchen. Meine Familie* ist … freundlich ausgedrückt … dumm. Und daher schrecklich kraftraubend. Freiwillig käme ich nicht auf die Idee, den Kontakt zu ihnen zu suchen. Leider brauche ich sie aber, denn ich könnte ohne sie derzeit die Ausbildung nicht finanzieren. Wie sehr ihnen das auf den Sack geht, werden sie nicht müde, mir mitzuteilen und mich entsprechend als unfähigen Menschen zu deklarieren. Mir bleibt nur hier nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, denn ich benötige ihre Kooperation in Bezug auf die Leistungen des Bafög-Amts. Sie müssen schließlich brav das Formular ausfüllen und die Kopien bereit legen.

Dieses Jahr hat das genau so gut funktioniert, wie letztes Jahr. Gar nicht nämlich. Der Besuch hat mich jede Energie gekostet, die ich zur Verfügung hatte und auch danach wartete ich panisch darauf, dass endlich eines der Formulare seinen Weg zu mir zurück finden würde. Nichts passierte. Nachdem ich dann irgendwann vollkommen wahnsinnig geworden war und nur noch weinend auf der Couch liegen konnte, beschloss ich in einem kurzen, klaren Moment, dass ich die Situation nur lösen könne, wenn ich mich selbst darum kümmere. Daneben sitze, während die Formulare ausgefüllt werden. Scheint nicht anders zu funktionieren.

An dem Abend war ich zu Besuch bei meinem Vater, weil ich mir dort meinen Schlafplatz organisierte. Und wir führten da ein kurzes Gespräch, in dem er mir nur wieder deutlich machte, wie unmöglich er es von mir findet, dass ich Geld bekomme, weil er es schlichtweg unfair findet, seine eigene Tochter unterstützen zu müssen, wo er doch das Geld verdient. Und es ist vollkommen legitim, wenn ich leide, denn ich habe mir diese Situation ja schließlich selbst ausgesucht. An dem Abend erlebte ich den Shift in meiner Wahrnehmung und ich fing wieder an, mich selbst nicht leiden zu können. Dabei hatte ich das doch schon ganz gut im Griff. Es half alles nichts. Ein Vorwurf nach dem anderen ploppte in meinem Kopf auf und ich war schrecklich verunsichert. Es ging weiter mit dem Gespräch im letzten Praktikum. Willkommen zurück, Depression. Dieses Gespräch hat den Sack dann wieder zu gemacht.

Angst … aber wovor?

Ich bin haltlos und hilflos. Meine größte Angst ist, wieder in die Hartz IV Mühle zu geraten. Nie wieder will ich so tief hinunter. Niemals wieder. Es ist ein Gefängnis, in dem du bis aufs höchste gedemütigt wirst, dich immer wieder nackt ausziehen musst, nur um dann ganz genau gar nichts zu dürfen. Ich habe eine Heidenangst davor und ich werde depressiv, bei dem bloßen Gedanken daran, wieder den ganzen Tag zuhause sitzen zu müssen oder maximal Hilfsarbeiten leisten zu dürfen, die ich dank meiner Konstitution eigentlich gar nicht kann. Ich will arbeiten, denn ich arbeite sehr gerne. Ich fühle mich wohl, so mit einer Aufgabe. Es tut mir gut, etwas sinnvolles zu machen, etwas zu erschaffen, zu kreieren, zu spielen, zu erfahren und ganz nebenbei noch etwas hilfreiches für die Gesellschaft zu tun, nämlich Krankheiten heilen. Ich merke das ja gerade. Mir geht es nicht um Geld. Mir geht es nicht um Prestige. Es geht mir ums spielen, ums helfen, ums füreinander da sein.

Diese Ausbildung bedeutet mir in meiner Existenz daher sehr viel, denn sie ermöglicht mir Freiheit. Ganz grundsätzlich werde ich in diesem Beruf nämlich mit meinen autistischen und auch persönlichen Merkmalen geschätzt und gesucht. Gespräche wie die mit meinem Vater, wie die mit der TA des letzten Praktikums nimmt mir jegliche Sicherheit. Eröffnet mir das Bild des Hartz IV Daseins und wenn ich in diesen Abgrund schaue, reagiere ich einzig und allein mit blinder, rasender Panik. Ich verliere in diesem Punkt vollständig die Kontrolle über mich. Ich will das um jeden Preis vermeiden. Und genau hier beginnt meine Zwickmühle …

Ich brauche eine Basis, meine Routinen, meine Sicherheit

Ich brauche eine positive Bewertung, damit ich nach der Ausbildung auch einen Job finde. Um eine positive Bewertung zu bekommen, soll ich bei der Arbeit ein bestimmtes Verhalten zeigen. Um dieses Verhalten zeigen zu können, muss ich eine Basis bauen. Wenn ich diese Basis bauen will, wird das mit einer negativen Bewertung bestraft. Und jetzt muss ich mich entscheiden.

Am liebsten möchte ich eine Basis bauen, ohne eine negative Bewertung zu bekommen. Aber dafür fehlt mir jegliche Fähigkeit, einzuschätzen, was in Ordnung ist und was nicht. Für mich ist das alles nämlich vollständig willkürlich. Es gibt nicht eine logische Regelung, die dahinter steckt. Die andere Möglichkeit wäre, vollständig auf die Bewertung zu scheißen, aber das kann ich nicht, weil ich diese Existenzangst im Nacken sitzen habe. Weitermachen wie bisher ist auch keine Lösung, weil ich ohne Basis nur Fehler mache, unkonzentriert bin, alles vergesse und auch nichts lerne, während ich gleichzeitig permanent völlig ausgelaugt bin und mit der Energie auch nicht mehr nach komme. Alles wird zu einem hinterher laufen, zu einem abgehängt sein. Dieses Basis aufbauen, während ich weiter mache wie bisher, ist auch keine Option, weil die Arbeit so kraftraubend ist, dass danach nichts mehr möglich ist. Auf lange Sicht ginge das sicher, aber hier wäre ich nicht fertig, wenn schon das nächste Praktikum anfängt.

Was tue ich also? Wie entscheide ich mich? Ich bin ratlos …
Nur solange ich mich nicht entscheide, steige ich nicht aus, aus dieser Wildwasserfahrt …

*An dieser Stelle sei meine Mama heraus genommen. Ebenfalls die Kinder der Familie.

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