Postsoziale Kater

Wenn mich jemand fragen würde, was meine Behinderung bei mir ausmacht, dann würde ich den postsozialen Kater nennen. Fast alles bekomme ich irgendwie in den Griff, komme damit zurecht, finde Wege, um dennoch Dinge zu leisten, die unleistbar für mich sind. Ich spüre meine Behinderung selten, es gibt nur wenige Momente, in denen mir [schmerzlich] bewusst wird, dass ich etwas nicht kann, was als normal gilt. Meistens liegen diese kurzen Momente in dem Bereich der Kommunikation, in der mir dann non-verbale Informationen einfach fehlen. Das ist unangenehm, aber nicht weiter schlimm und selten sind damit Konsequenzen verbunden. Ich mache darauf aufmerksam, die fehlende Information wird mir geliefert, sofern ein Bewusstsein dafür besteht, und dann lachen wir ein bisschen peinlich berührt. Fünf Minuten später ist alles vergessen. Unangenehm. Keine Konsequenzen.

Und dann kommt eben dieser postsoziale Kater, dem ich hilflos ausgeliefert bin. Und mit diesem postsozialen Kater, der mir jahrzehntelang abgesprochen wurde, aus dem mir nicht heraus geholfen wurde, der nicht ernst genommen wurde, für den mir psychische Krankheiten eingeredet wurden, genau damit identifiziere ich meine Behinderung und all die Erkrankungen, die darüber entstanden sind.

Ein geselliger Abend in netter Runde

Es ist nicht so, als fänd ich alle Menschen doof. Ich hab immer schon den ein oder anderen gekannt, mit dem ich mich durchaus gerne ausgetauscht habe. Ich war immer schon fasziniert und neugierig. Ich wollte erfahren, erleben, verstehen. Ich bin durch und durch Wissenschaftlerin und ich bin auf keine Disziplin beschränkt. Es ist die Neugier, die mich treibt, das verstehen können wollen. Ich habe, dank meiner Entwicklungsstörung, die mich eben auch vor Sozialisation geschützt hat, meinen Drang, die Welt entdecken zu wollen, meine Begeisterung, nie verloren. Ich käme niemals auf die Idee, mich als sorgenvollen, ängstlichen Menschen zu beschreiben. Ich versuche immer so wenig aufdringlich wie möglich zu sein und das wird häufig als Desinteresse missverstanden, aber damit kann ich inzwischen leben. Dann ist das eben so, will ich nicht ändern. Allerdings komme ich so also, durch meine offene Art, meine Neugier und meine Wissbegier, immer wieder in die Situation, dass ich abends nett mit Leuten zusammen sitze und quatsche, ein bisschen was trinke, vielleicht sogar gut esse. In den allermeisten Fällen habe ich meinen Spaß, weil ich ganz gut in der Lage bin, mir irgendwie meinen Spaß zu machen.

Doch danach passiert immer dasselbe. Ich habe einen Kater. Nicht im klassischen Sinne, manchmal schon, aber meistens nicht. Mir ist weder schwindlig, noch flau im Magen. Stattdessen erlebe ich einen ganz anderen Zustand. Einen, der vor allen Dingen psychisch stattfindet, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass er physischer Natur ist.

Die Erschöpfung und die Suizidgedanken

Mich überkommt ein Gefühl endloser Wertlosigkeit. Einsamkeit zerreißt mich gnadenlos. Ich stelle mein gesamtes Lebenskonzept infrage. Dass ich keinen Mann habe, keine Kinder möchte, stattdessen lieber Karriere machen möchte. Ich im Grunde keine realen Kontakte besitze. Ich gehe arbeiten, ich lerne und ich treibe Sport. Weiter nichts. Ich mache mich fertig für meine Hilflosigkeit. Nicht mal zusammenreißen kann ich mich. Brauche Hilfe, wie lächerlich. Wie soll ich eine starke, emanzipierte Frau sein, wenn ich nicht mal in der Lage bin, jetzt aufzustehen und zum Sport zu gehen? Und selbst wenn … da ist niemand, den ich fragen könnte. Niemand, der mich einpacken kann und mit mir zum Sport geht. Selbst wenn ich Hilfe wollen würde, bekäme ich keine. Ich fühle mich elendig, einsam, unverstanden und ich möchte einfach nur akzeptiert und an die Hand genommen werden.

Das Ganze ist das Ergebnis meiner Erschöpfung. Ich bin Autist und niemand käme auf die Idee, dass ich es bin. Niemand spürt, was ich spüre, weil ich meine Emotionen spielen kann, wie es nur wirklich gute Schauspieler können. Ich habe in diese Richtung ein gewaltiges Talent entwickelt. Ich spiele den extrovertierten Neurotypen wie kaum ein anderer, mit einer enormen Vielfalt an schlagfertigen Sprüchen. Mein erster Eindruck auf Menschen ist meist ein gewinnender, ich wirke offen, sympathisch, aufgeschlossen, ein bisschen spleenig, aber spannend und erfahren, manchmal vielleicht ein bisschen weise. Ich ziehe an, mache neugierig. Nur läuft mein Hirn dabei auf Hochtouren. Mit quietschenden Reifen schieße ich driftend um die Ecke und lege einen Stunt nach dem anderen hin. Warum ich so spannend und spektakulär auf meine Mitmenschen wirke ist also ganz einfach. Ich hab nen aufgemotzten Wagen, mit dem ich prollend durch die Gegend rase und die meisten verziehen ihr Gesicht schnell zur Not-Bad-Meme. Ich mache Eindruck, weil ich eine Show abziehe. Meine Maschine zur Schau stelle.

Nichts ist erschöpfender, als das. Ich bin in jedem Augenblick hoch konzentriert. Ich muss auf alles achten, zuhören, abgleichen, vergleichen, aus meinen vielen Listen die Sprüche auswählen. Ich arbeite im übrigen zu 90% mit Sitcominhalt, den ich auswendig gelernt habe. Merkt kein Mensch! Es ist so unendlich anstrengend. Den gängigen Marathonvergleich finde ich fast schon lachhaft. So ein Marathon ist vergleichsweise einfach umzusetzen. Mit anderen Worten: Es ist maßlos erschöpfend und ich bekomme selten dann Pause, wenn ich sie benötige und seit ich nicht mehr rauche, sowieso nicht.

Die Folge von Erschöpfung sind die Suizidgedanken. Ich erinnere mich gerade nicht mehr, ob ich mich tatsächlich schon dazu geäußert habe oder ich das nur in meiner Phantasie getan habe. Der Suizidgedanke ist eine Überdramatisierung des Körpers, um mich zur Ruhe zu zwingen. Denn um mich so lange zu konzentrieren, und all die äußeren Reize analysieren zu können, muss ich die inneren Reize ignorieren. Meine Reizwahrnehmung hat nur eine begrenzte Bandbreite und ich muss Prozesse rauswerfen, um andere rein nehmen zu können. Die Folge ist, dass ich mich nicht mehr spüre und daher den Moment, in dem ich mich herausziehen müsste, nicht spüren kann. Als Folge meiner Ignoranz wird das Gefühl der Erschöpfung überdramatisiert. Wenn der Körper bei irgendwas nicht gehört wird, droht er grundsätzlich irgendwann mit dem Tod. Und dann liege ich da und krümme mich vor Schmerzen in meinem Hirn. Allein. Hilflos.

Die Bedürfnisse und die Hilfe

In meinem Körper ist über die Zeit eine enorme Menge Adrenalin zusammen gekommen. Das Aushalten des ganzen Adrenalins, das ignorieren, war so anstrengend, dass ich kaum noch in der Lage bin, mich zu bewegen. Ich habe Schmerzen in den Muskeln und Gelenken, weil ich mich meist zum Ende hin völlig verkrampfe. Ich bin unendlich müde, weil ich mich über eine viel zu lange Zeit, viel zu stark konzentriert habe. Ich kann kaum noch aufhören zu gähnen, meine Augen tränen und brennen, sind gerötet. Mein Gesicht schmerzt, von all der Mimik. Ich kann mich kaum wach halten, muss dann aber meist noch stundenlang fahren, bis ich endlich in meinem Bett liege. Ich möchte einfach nur schlafen, mich nie wieder bewegen, einfach nur meine Ruhe. Ich hasse jeden Menschen, jeden Geruch, jedes Geräusch, alles macht mich jetzt aggressiv und ich verbrauche meine allerletzten Kräfte, um freundlich zu bleiben. Gleichzeitig will das Adrenalin abgebaut werden. Ich möchte Bouldern, weil Bouldern mir guttut. Es beansprucht den ganzen Körper. Ich kann mich kaum wach halten, jeder Muskel in mir schmerzt und ich möchte gleichzeitig auf Leistungsniveau Sport treiben. Ich habe also all dieses Adrenalin in mir und kann mich nicht bewegen. Ich platze fast. Mein Herz rast, mein Hirn schmerzt, meine Muskeln und Gelenke schmerzen, ich habe Suizidgedanken, empfinde bodenlose Wertlosigkeit, überwältigende Einsamkeit, resultierend aus meiner Hilflosigkeit und um diesen Zustand halbwegs aushalten zu können möchte ich fressen. Zucker, Zucker, Zucker! Noch mehr Zucker! Zucker und Koffein. Massig davon. Ich will schlafen, hart Sport treiben und fressen. Ich liege schlaflos und bewegungslos im Bett, abwechselnd bitterlich weinend und vollkommen versteinert. Wie komme ich hier raus?

Ich verzweifle an dieser Situation. Ich hasse mich, weil ich zu beeinträchtigt bin, mich lieb haben zu können und die Hilfe, die ich bräuchte, die gibt es einfach nicht. Die könnte mir nur ein Partner gewährleisten und den habe ich nun mal nicht. Ich bin gezwungen zu warten und auszuhalten. Das ist der Preis, den ich zahle. Das ist, was ihr nicht zu sehen bekommt, weil ich das im Stillen mit mir allein ausmache. Ich könnte mir diese Blöße gar nicht geben. Dabei wünsche ich mir in diesen Momenten nicht sehnlicher, als jemand, der sich in dem Moment um mich kümmert. Für mich übernimmt, was ich selbst nicht mehr kann. Mich ins Bett legt, mir essen bringt, mit mir netflixt und kuschelt. Mich einfach lieb hat, weil ich mich selbst gerade nicht lieb haben kann, da ich einfach zu erschöpft bin, um mich selbst lieb haben zu können. Ich brauche Energie, Bewegung und eine große Portion gesunden Schlaf.

Bin ich allein, halte ich all diese Emotionen und Schmerzen einfach nur aus. Ein bis zwei Tage lang und erst dann kann ich langsam wieder anfangen, mich lieb zu haben und mir Gutes zu tun. Nur gibt mir diese Zeit einfach niemand. Kein Arbeitgeber kommt auf die Dauer damit zurecht. Und genau hier baut sich der nächste Druck auf. Wenn mich also jemand fragt, womit ich meine Behinderung identifizieren würde, dann sind es diese postsozialen Kater, die mir das Leben zur Hölle machen und aus denen heraus in erster Linie meine Probleme entstehen. Mit denen ich nicht umgehen kann, weil ich einfach keinen Weg finde, wie ich meine Bedürfnisse zügig umsetzen kann, um kompatibel mit meiner Umwelt zu bleiben. Hier haut es mich einfach raus.

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