Wer bin ich?

Vor etwas mehr als vier Jahren machte ich mich auf die Suche nach mir. Ich wollte wissen, warum mir einfach nichts gelang. Ich ging in die Klinik, verlebte dort zwei Monate und bekam anschließend meine Diagnose. Danach las ich alles, was ich lesen konnte. Ich suchte mir einen neuen Weg durchs Leben, nachdem ich meinen alten verloren hatte. Ich räumte den ganzen Blödsinn in meinem Kopf auf, den andere dort mit ihrer unsensiblen Unwissenheit angerichtet hatten und ich vergab ihnen dafür. Dann lernte ich, die vermeintliche Kontrolle los zu lassen. Selbstvertrauen. Dass ich schon weiß, was richtig für mich ist, auch wenn ich nicht weiß, was ich da tue. Und jetzt stehe ich hier, vier Jahre später, und betrachte das Werk, das ich geschaffen habe.

Ich bin nicht der, der ich zu sein glaubte.

Gerade entwickle ich mich zum Frühaufsteher. Ich stehe früh morgens auf und nutze diese ruhige Zeit für mich und meine Ziele. Derzeit weiß ich noch gar nicht, wie ich das alles gestalten möchte. Diese Zeit ist ganz neu und ungewohnt und ich weiß bisher nur, dass ich es sehr genieße, dass ich stolz auf mich bin, dass ich Dinge geschafft bekomme und dass ich viel zufriedener und entspannter in die Arbeit gehe, die ich ja ebenfalls unglaublich gerne mache. Aber da ich erst letzte Woche damit angefangen habe, klappt das natürlich auch noch nicht so richtig gut. Es gibt so vieles, was ich tun möchte und manches, dass muss ich mir erst angewöhnen. Gewohnheiten entstehen ja nicht, weil ich das jetzt sofort ganz doll möchte.

Derzeit bastle ich also voll und ganz an meinem Morgen herum. Ich möchte gerne ein wenig schreiben/lesen. Nicht jeden Tag habe ich etwas zu erzählen, daher brauche ich eine Ausweichmöglichkeit. Ich möchte außerdem gerne Sport machen. Laufen gehen. Wenn es jetzt immer früher hell wird, habe ich mir überlegt, ab demnächst mit dem Fahrrad in den nahe gelegenen Park zu fahren, dort eine Runde zu laufen und wieder zurück zu fahren. Eine Kleinigkeit im Haushalt wäre auch schön morgens. Und schon erwische ich mich dabei, wie ich mir wünsche, noch ein bisschen früher aufzustehen, um noch mehr Zeit für mich zu haben.

Denn wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, meist gehe ich ja nach der Arbeit auch noch ein bisschen sporteln, dann schaffe ich es noch so gerade eben, mir etwas Essbares zu zaubern und faul im Bett herumzuliegen, während ich netflixe. Ich bin nicht mehr in der Lage, zu denken oder gar zu handeln. Wenn ich es sogar ganz genau nehme, ich warte eigentlich nur darauf, endlich ins Bett gehen zu können. Und da dachte ich, warum denn nicht? Ich pflege am Abend eh keine Sozialkontakte, ich gehe nicht in Kneipen oder Clubs, es sei denn ich arbeite dort. Ich gehe nicht ins Kino, ich gehe auch sonst nirgendwo hin. Ich fahre nur zum Sport und zur Arbeit und das war es auch schon. Da kann ich mich doch auch schlafen legen? Mir die Ruhe gönnen, die ich in diesem Augenblick so offensichtlich dringend benötige?

Ich scheitere, erlebe Rückschläge

Genau genommen ist das eine falsche Bewertung der Situation. Ich weiß nicht genau, wann wir als Gesellschaft eine so utopische Vorstellung davon entwickelt haben, dass neue Gewohnheiten auf Anhieb perfekt und bis in alle Ewigkeiten ausgeführt werden können. Alles verläuft wie eine Sinuskurve.

Ich möchte das einmal genau erklären. Ich möchte gerne eine neue Gewohnheit, jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen, einüben. Meine normale Aufstehzeit ist in der Woche um 6.45 Uhr und am Wochenende gegen 8.30 Uhr. Ich stelle mir also den Wecker auf 5 Uhr und lege mich schlafen. Am Morgen, wenn der Wecker klingelt, dann bin ich wegen der Neuartigkeit meines Vorhabens so Adrenalin vollgepumpt, dass ich ohne weitere Schwierigkeiten aufstehen kann. Ich bin einfach hellwach. An den nächsten Tagen geht die Adrenalinproduktion in meinem Körper zurück und der Kick lässt mich morgens immer später aufstehen. Jeden Tag zehn Minuten länger schlafen, bis ich wieder bei 6.45 Uhr angelangt bin.

Mein erster Gedanke, als normaler Mensch wäre jetzt „Ach scheiße, ich bin so inkonsequent, immer scheitere ich an meinen Ideen. Ich bin einfach kein Morgenmensch!“.

Das Ganze ist nur halb richtig. Es ist richtig, dass ich noch kein Morgenmensch bin, denn all meine Gewohnheiten sind ja auf spätere Uhrzeiten gesetzt. Ich scheitere nun also an meinen Gewohnheiten, die im Gegensatz zu meinen neuen Ideen stehen. Anstatt mich als gescheitert zu betrachten, wäre es richtiger, mir anzuschauen, an welcher alten Gewohnheit ich nicht vorbei gekommen bin. Meine alte Gewohnheit ist vielleicht, zwei mal den Snooze zu drücken, bis ich aufstehe. Das heißt, ich muss den Wecker grundsätzlich 20 min früher stellen, als ich aufstehen möchte. Ich kann also entweder die alte Gewohnheit auf eine neue Zeit trainieren, oder aber eine neue Gewohnheit auf die alte Zeit trainieren. Es geht immer nur eins nach dem anderen.

Wenn ich danach gehe, verstehe ich, dass ich nicht scheitere, sondern auf alte Gewohnheiten stoße, die ich dann Stück für Stück ändern muss. Wir nehmen fälschlicherweise an, die Uhrzeit, zu der wir aufstehen, sei eine Gewohnheit, dabei besteht sie in Wirklichkeit aus 15 winzigen Gewohnheiten, die wir alle einzeln ändern müssen, um früher aufstehen zu können. Und genau das passiert, wenn wir scheitern. Wir treffen auf die erste winzige Gewohnheit. Entweder nehmen wir sie dann Stück für Stück in Angriff und ändern sie, oder wir geben auf, und sagen uns, das spätere aufstehen ist sicher genetisch bedingt und kann daher auch gar nicht verändert werden. Auch wenn uns in den gelungenen Momenten das frühe Aufstehen sehr gut getan hat.

Wer bin ich?

Nachdem ich für mich heraus gefunden habe, dass Änderungen in den Gewohnheiten nur so umgesetzt werden können und ich mir während des Scheiterns in Wirklichkeit meiner alten Gewohnheiten bewusst werde, um auch eine reale Chance auf Erfolg zu bekommen, habe ich mich frei gelassen. Ich kreiere mir ein Leben, indem ich immer das mache, was in mir wohlig warm wahrgenommen wird und alles das verändere, was meine Schultern verkrampft nach oben ziehen lässt. Dabei probiere ich munter verschiedenste Dinge aus, schaue wie ich darauf reagiere, warte ab, welche wilden Ideen in meinem Kopf aufploppen und setze diese motiviert und abenteuerlustig um. Denkmuster, Handlungsmuster, nichts ist vor meiner Neugierde sicher.

Da ich rein nach Gefühl gehe und ich auch eher renne, als gehe, muss ich zwischendurch stehen bleiben und abwarten. Schauen, wie ich reagiere. Eine Weile mal nichts ändern und einfach nur in mich horchen und mich beobachten. Das erstaunliche dabei ist, dass dieses mich beobachtende Ich noch immer das alte, von vor vier Jahren ist. Und wann immer ich mir meiner neuen Gewohnheiten bewusst werde, mich selbst sehen kann, da muss ich erstaunt fest stellen, dass alle meine Überzeugungen nicht wahr waren. Ich bin ein Morgenmuffel? Stimmt nicht, ich liebe die Zeit morgens für mich. Ich bin kein sprachliches Talent? Stimmt nicht, inzwischen schaue ich Filme auf Englisch, lese englische Paper, unterhalte mich mit meinen Kollegen, die kein deutsch sprechen können und habe inzwischen sogar eine englischsprachige Bekanntschaft. Spanisch ist die nächste Sprache, die ich mir ausgesucht habe. Ich bin ein Mensch, der viel Kontakt zu Menschen braucht und schlecht allein sein kann? Stimmt nicht, ich bin viel lieber mit mir allein, genieße meine Ruhe und schaffe Dinge. Ich bin unordentlich und dreckig? Stimmt auch nicht, ich liebe Ordnung, putze nicht gerne, aber auch nicht widerwillig, unordentlich bin ich immer nur dann, wenn es mir schlecht geht. Und noch vieles anderes.

Wenn du also das nächste Mal begeistert etwas ändern möchtest, in deinem Leben und mal wieder daran scheiterst, und dein Scheitern genetisch begründest, dann denk doch vielleicht einmal kurz darüber nach, ob das wirklich wahr ist, oder ob das nicht vielleicht einfach nur gesellschaftlicher Irrglaube ist, der dir viele Jahre lang eingeredet wurde.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: