Psyche

In der ersten Phase, nachdem ich meinen Ausbildungsvertrag unterschrieben hatte, ging es für mich um nichts anderes, als meine Depression soweit in den Griff zu bekommen, dass ich fähig bin, regelmäßig einen bestimmten Ort aufzusuchen und meine täglichen Aufgaben halbwegs zu bewältigen. Hier beschreibe ich meinen Weg.


Der Tag, an dem die Depression begann
Es ist unglaublich, was diese Ausbildung mit mir macht. Was die Menschen in meinem Umfeld mit mir machen. Ich gerate immer wieder in Situationen, in denen mir keine Wahl bleibt, außer mich mit mir selbst auseinander zu setzen. Und das ist gut so. Aber eben auch schmerzhaft. Vor zwei Wochen wurde durch ein bestimmtes Ereignis eine Kette ausgelöst, die nach und nach immer mehr aufdeckt. Die mir zeigt, was eigentlich mit mir passiert ist, damals, als ich depressiv wurde. Eine Reihe von Ereignissen, aus denen ich Schlüsse zog. Es ist gut, dass ich mich jetzt endlich damit beschäftige, um meinen Frieden damit machen zu können, um Ängste abzubauen, Befürchtungen abzubauen und mit etwas entscheidendem, mir wesentlichen umgehen zu lernen. weiter


Das Ende I
Früher war ich sehr deprimiert. Ich war hilflos. Völlig allein. Niemand verstand mich und ich kämpfte gegen Windmühlen. Alles kostete mich so unglaublich viel Kraft. Ich war orientierungslos und ich wusste einfach nicht, wie ich mich selbst organisieren sollte. Scheinbar lernten das alle um mich herum und kamen wundervoll zurecht. Nur ich, ich konnte das nicht. Ich scheiterte permanent an allem, was ich kopierenderweise umzusetzen versuchte. Meistens war ich traurig. Warum durften alle Geborgenheit und Sicherheit erfahren, nur ich nicht?  weiter

Das Ende II
Vor zwei Jahren fing ich an, wieder vermehrt nach Hilfe zu suchen. Mir wurde zunehmend klar, dass ich so lange geschwiegen hatte, bis ich selbst nichts mehr von mir wusste. Ich war nur noch eine leere Hülle, die tagtäglich aufstand, arbeiten ging, nach Hause kam, sich betäubte und schlief. 6 Monate machte ich das, nachdem ich die Physik verloren hatte und damit alles verloren hatte, was mir Sicherheit und Geborgenheit war, was mir ein Lebensinhalt war, was mir Freude schenkte, Zuversicht und einen Sinn in meinem Leben. weiter

Das Ende III
Jetzt ist es anders. Ich bin Teil einer Gemeinschaft und so viel Leid und Mühe, Kraft und Not habe ich erleiden müssen, um das zu schaffen. Aber die Belohnung dafür ist enorm! Ich erfahre Sicherheit und Geborgenheit, und das nicht nur in der Physik. Ich habe mich weiterentwickelt und statt der klassischen Mechanik, lebe ich nun die Quantenphysik. weiter

Das Ende IV
Wochenlang quäle ich mich nun mit diesem Text. Ich musste mich wieder einmal sehr intensiv mit mir selbst beschäftigen und hatte dabei interessante Erkenntnisse. Ich bin heute sehr froh darum, dass ich das machen musste, auch wenn es mich unfassbar viel Zeit kostete. weiter


Schritt Eins
Am Ende meines Leidensweges stand die Hoffnung. Die Hoffnung ist immer das Ende vom Alten und der Anfang vom Neuen.

Hoffnung. Es war alles, was mir noch geblieben war. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Volksmund und ich habe in diesem Satz eine Wahrheit gefunden, die ich nur mit „mind-blowing“ zu beschreiben vermag. weiter

Schritt Zwei
Es ist nicht meine Schuld. Ich bin ein liebenswerter, freundlicher, intelligenter, hübscher und gewissenhafter Mensch. Egal was mir passierte, es passierte nicht wegen mir. Ich trage keine Schuld daran. Die Menschen sind grausam, aber auch sie sind nur Opfer ihrer Eltern, Lehrer, Mitschüler, Freunde. Sie können das nicht verarbeiten und einmal Erlerntes kaum mehr verändern. Es war nicht gegen mich gerichtet, sondern entstand aus der eigenen Verletzung heraus. Und daraus ergibt sich eine zwingende Notwendigkeit: weiter

Schritt Drei
Der Drang zur Kommunikation treibt mich. Allein sein. Nur schwer zu ertragen. Jede Sekunde, die ich länger mit mir allein bleiben muss, erzeugt eine Art Unterdruck in meinem Brustkorb. Es ist schmerzhaft. Von den Fußspitzen her kriecht diese Unruhe in den Beinen hoch und setzt sich zu dem Druck in den Brustkorb. Gleichzeitig lähmt mich die Überforderung vollständig. Ich ertrage mich nicht, ertrage meine Anwesenheit nicht. Ich will nicht allein sein, denn wenn jemand anwesend ist, existiere ich nicht. Ich habe gelernt, mich vollständig auszublenden, sobald ich nicht mehr alleine bin. Das nimmt den Druck, schenkt mir Leichtigkeit. Pause. Ruhe! weiter

Schritt Vier
Ich muss mich emotional von meinen Mitmenschen abgrenzen. Ihre Gefühle sind nicht meine Gefühle. Fremde Emotionen empfinde ich auf eine so intensive Weise, dass ich sie kaum von meinen eigenen unterscheiden kann. Das ist teilweise sehr verwirrend, weil ich gar nicht weiß, woher das jetzt kommt und was das jetzt soll und ich kann schlichtweg nichts damit anfangen. Eine klare Abgrenzung zwischen „Ihr“ und „Mir“ ist das einzige, was mir da helfen kann. Gerade in Konflikten ist das eine sehr wichtige Technik! weiter

Schritt Fünf
Ich weiß überhaupt nicht mehr was dieses Pause ist. Pause, Entspannung, Ruhe. Wenn der Kopf endlich mal seine blöde Fresse hält. Seine Fresse hält und dabei nicht diese unglaublich zermarternde und zermürbende innere Unruhe herrscht. Das Herz nicht rast. Der Brustkorb sich nicht bis zur Atemnot zusammen schnürt. Es ist ein unfassbar befremdliches Gefühl. So befremdlich, dass ich das Alte fast vermisse. Weil ich nur noch das kenne. Ich weiß gar nicht, was ich mit diesem neuen Gefühl anstellen soll. Es ist überwältigend. Ich erhalte dadurch einen unglaublichen Vorteil! weiter

Schritt Sechs
Angst. Angst ist ein so ätzendes Scheißgefühl. Immer wieder ist es diese Angst, die mir alles kaputt macht. Die Angst davor, es nicht zu schaffen. Angst davor, dass es wieder so schlimm wird. Angst davor, nicht rechtzeitig zu erkennen, wenn etwas schief läuft. Angst davor, nicht richtig zu handeln, damit es mir schnell wieder gut geht. Angst, die Kontrolle zu verlieren? Angst davor, allein zu sein. Zu bleiben. Für immer. Allein zu bleiben und keine Hilfe zu bekommen, wenn ich die Kontrolle verliere. Hilfe, die ich so dringend brauche, als hilfebedürftiger Mensch. Angst davor, es alleine nicht schaffen zu können. Angst. Überall Angst. Allein-Sein macht mir Angst. Und dabei macht sie eigentlich nur eines, diese Angst: weiter

Schritt Sieben
Wie soll ich Selbstvertrauen haben, wenn ich nicht mal weiß, was dieses Wort bedeutet? Wenn Selbstvertrauen gar nicht greifbar ist für mich? Was ist denn eigentlich dieses Selbstvertrauen? Woran kann ich erkennen, ob ich welches habe? Oder ob ich Selbstvertrauen haben sollte? Ich möchte euch von meiner kleinen Reise berichten, die ich unternommen habe, um dieses Wort und das dahinter liegende Empfinden zu erkunden. Denn eines sollte mir bewusst werden. Selbstvertrauen, ist etwas ganz anderes, als ich immer dachte und ich kam ganz anders daran, als ich mir vorgestellt habe. Selbstvertrauen hatte ich nie, obwohl ich es immer hätte haben dürfen! weiter

Schritt Acht
Ich wurde nie gesehen. Ich werde wahrscheinlich auch nie gesehen werden. Auch wenn ich mir eigentlich nie etwas anderes gewünscht habe. Es war immer mein sehnlichster Wunsch, gesehen zu werden. Nur irgendwie schienen die Menschen, um mich herum, mich immer nur mit einem völlig verklärten Blick zu betrachten. Sie sahen Dinge, die ich nicht sehen konnte. Die Dinge, die ich sehen konnte, aber sie nicht, erwähnte ich gar nicht erst, aus Angst für verrückt gehalten zu werden. Aber warum wollte ich eigentlich gesehen werden? Warum war es mir ein so überaus großes Anliegen, von meinen engsten Mitmenschen gesehen zu werden? Und warum haben sie mich nicht sehen können? Und welche Folgen hatte das für mich? weiter

Schritt Neun
Es gibt noch einmal unterschiedliche Sorten der Angst, auch wenn sie sich inzwischen alle gleich bei mir äußern. Ein großes Problem, mit dem ich kämpfe, ist die Blockade von Orten, Tätigkeiten, Menschen oder Dingen. Ich entwickle dann eine ausgeprägte Angst, die es mir unmöglich macht, einen Ort aufzusuchen, eine Tätigkeit auszuführen, einem Menschen zu begegnen oder mit einem Ding im gleichen Raum zu sein. So sind über die Jahre hinweg viele Sachen für mich weggefallen, die mir eigentlich gut getan haben und mir Spaß und Freude gebracht haben. Die mich einfach glücklich gemacht haben. Heute ist mir klar geworden, was genau eigentlich blockiert wird. weiter

Schritt Zehn
Immer wieder gibt es Probleme in meinem Leben. Probleme, die meine Aufmerksamkeit fordern, weil sie eine Bedrohung meines Selbsts darstellen. Sie nehmen alles in mir ein, lassen mir nicht mal mehr ein Fitzelchen Konzentration übrig und ich kann an nichts anderes mehr denken. Meine ganze Welt besteht nur noch aus diesem Problem und alles andere versinkt in der Bedeutungslosigkeit. Es brennt sich ein. Als Gedanke, als Gefühl und immer wieder sogar als Handlung. Was ich will, scheint keine Bedeutung mehr zu haben, einzig, was das Problem von mir verlangt. weiter

Schritt Elf
Traumatische Ereignisse hinterlassen Räume im Kopf, die aussehen, als wäre dort nicht nur eine Bombe eingeschlagen! Es ist ganz ähnlich, wie mit der eigenen Wohnung, nach einer großen und wilden Party. Ordnen ist angesagt und die Fülle an Chaos ist lähmend. Wer kennt es nicht, diesen Raum am liebsten einfach abschließen zu wollen und nie wieder betreten zu müssen? In der Hoffnung, die Unordnung beseitige sich eines Tages schon von selbst und dann könne man den Raum wieder betreten? Ich zumindest kenne das sehr gut von mir. Doch während die eigene Wohnung, die im Chaos versinkt, visuell immer wieder präsent ist, und sich als Notwendigkeit aufdrängt, ist es mit den Räumen im Kopf viel zu leicht, sie einfach abzuschließen und nie wieder zu betreten. Doch je mehr Räume im Kopf verschlossen werden, umso eingeschränkter wird der Platz für anderes. Umso eingeschränkter sind die Möglichkeiten im Denken. Der Raum fehlt. Wieso nicht einfach mit diesen Räumen genau so umgehen, wie mit den Räumen in der Wohnung? Wo ist denn da eigentlich der Unterschied? Und wie geht das dann? weiter

Schritt Zwölf
Eine klassische Frage innerhalb der Depression ist die Frage nach dem Sinn des Lebens. Auch ich habe sie mir gestellt. Die Sinnlosigkeit erdrückte mich. Dieses Gefühl von innerer Leere, die mich förmlich zerfraß, breitete sich bis in die allerhinterste Zelle aus. Es war lähmend, gleichzeitig zerreißend, dieses Gefühl ist unbeschreiblich. Die Analogie des Fallens beschreibt es gut. Hatte ich vorher einen Sinn in meinem Leben, so war er mir nicht bewusst und der unbewusste Sinn in meinem Leben, der dadurch gar nicht greifbar sein kann, war infrage gestellt. Oder hatte ich ihn gar verloren? Ist die Frage nach dem Sinn im Leben vielleicht einfach nur das verloren gegangene, intuitive Verständnis von Sinn? Gar nicht ein echter Sinnverlust, sondern nur der Verlust zum intuitiven Zugang? weiter


Mein Körper und Ich
Als ich heute Mittag völlig gestresst zum Klo rannte, weil doch meine Beurteilung heut Nachmittag anstand, schaute ich in den Spiegel. Im Bad hängen LED-Birnen, deren Helligkeit sich weit jenseits von Gut und Böse befindet. Während ich mich so anschaute, wurde ich traurig. Ja, sie gehen schon wieder weg. Ja, das Licht macht es schlimmer als es ist. Und dennoch, es macht mich traurig. weiter

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