Schritt Neun

Es gibt noch einmal unterschiedliche Sorten der Angst, auch wenn sie sich inzwischen alle gleich bei mir äußern. Ein großes Problem, mit dem ich kämpfe, ist die Blockade von Orten, Tätigkeiten, Menschen oder Dingen. Ich entwickle dann eine ausgeprägte Angst, die es mir unmöglich macht, einen Ort aufzusuchen, eine Tätigkeit auszuführen, einem Menschen zu begegnen oder mit einem Ding im gleichen Raum zu sein. So sind über die Jahre hinweg viele Sachen für mich weggefallen, die mir eigentlich gut getan haben und mir Spaß und Freude gebracht haben. Die mich einfach glücklich gemacht haben. Heute ist mir klar geworden, was genau eigentlich blockiert wird.

Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.

Mir war bis zum heutigen Tage nicht klar, dass sich das glücklich-sein für die meisten Menschen aufschieben lässt, auf einen späteren Zeitpunkt. Ich finde diesen Gedanken auch vollkommen irre. Das äußert sich bereits in der Wortwahl. So spricht meine Oma immer wieder davon, dass ich die Ausbildung durchhalten müsse. So als wäre das etwas, was sowieso nie Spaß machen könne. Wie auch, Lehrjahre sind ja schließlich keine Herrenjahre und so wird uns schon früh klar gemacht, dass wir einen langen Leidensweg vor uns haben werden, bis wir endlich in das heiß ersehnte Leben entlassen werden können. Später irgendwann einmal. Vielleicht. Mit Glück. Aber nur wenn du hart genug gearbeitet hast!

Mir ist einfach nicht klar, dass der Sinn in einer Tätigkeit noch ein anderer sein könnte, als dass diese Tätigkeit selbst Freude bereitet. Mir ist das nicht nur einfach nicht klar, ich verstehe das schlicht nicht. Wenn mich jemand damit konfrontierte, dann blickte ich ihn irritiert an. Ich dachte Wie soll das denn gehen? und schüttelte nur ungläubig den Kopf. Meine Therapeutin stellte daher fest, dass meine Frustrationstoleranzgrenze sehr niedrig ist. Sehr, sehr niedrig. Ich bin nicht mal im Ansatz in der Lage, eine Tätigkeit, die mir keine Freude bereitet, länger als wenige Wochen durchzuhalten. Ich kann das einfach nicht. Ich breche darunter zusammen.

Wer sein eigenes Leben und das seiner Mitmenschen

als sinnlos empfindet, der ist nicht nur

unglücklich, sondern kaum lebensfähig.

Das ich das nicht kann, zeigen die unzähligen Versuche, seit meiner Jugend, in denen ich immer und immer wieder versuchte, die Schule, und später die Uni, einfach nur durchzuhalten. Mir machte das alles keinen Spaß. In der Schule dachte ich, auf der Uni wird alles besser. Sagten mir ja schließlich immer alle. Da kann ich endlich machen, was ich machen will und bin mit Leuten zusammen, die das Gleiche mögen, wie ich. Auf der Uni war es aber dann genau so, wie in der Schule. Die versprochenen Freuden blieben aus. Alle sagten mir jetzt, dass komme dann später in der Forschung, wenn ich mich weiter spezialisiere. Ich suchte mir einen Job in der Forschung, doch nichts wurde besser. Ich suchte etwas ganz bestimmtes. Meinen Sinn. Doch ich konnte ihn nirgends finden. Gleichzeitig fühlte ich mich betrogen von meinen engsten Mitmenschen. Betrogen und belogen und ich verlor das Vertrauen in ihre Worte. Später wird alles besser, sagten sie, und es stimmte einfach nicht.

Nach und nach versank ich in einer tiefen Sinnlosigkeit. Meine Arbeit war mir keine Belohnung und das Stück Papier, dass mir irgendwann ausgehändigt werden würde, empfand ich nicht als Belohnung. Das hatte ich bei meinem Abitur schon sehr genau gespürt. Meine Belohnung war immer Freude gewesen. Ich wollte glücklich sein, denn alles andere ergab für mich keinen Sinn. Ich hatte immer schon eine sehr genaue Vorstellung davon, wie das Leben zu sein hat, doch das Leben entpuppte sich als Enttäuschung.

Ich möchte nicht leben, um zu arbeiten, ich möchte arbeiten, um zu leben!

Als ich das erste Mal mit diesem Satz in Kontakt kam, da verstand ich den Sinn absolut nicht. Ich dachte: Moment mal, das würde ja bedeuten, dass ich irgendwelche Scheiße machen muss, den ganzen Tag. Wie ätzend ist das denn. Natürlich möchte ich leben, um zu arbeiten und nicht arbeiten, um zu leben! Für mich war das eine ganz klare Sache! Ich hatte da wohl eine falsche Vorstellung davon, nach welchen Kriterien sich Menschen ihre Jobs aussuchen. Ich wollte meine Erfüllung immer aus meinem Job ziehen. Ich wollte niemals irgendwas machen, nur um mit dem Geld irgendwas anderes machen zu können. Arbeit war für mich nie Mittel zum Zweck. Geld spielte auch nie eine Rolle für mich, solange ich nur arbeiten könne und Essen und ein Dach über dem Kopf haben würde. In meiner Kindheit musste ich die Erfahrung wohl bereits gemacht haben, die sich dann so tief in mein Gehirn einbrannte, dass ich dies als Idealvorstellung entwickelte. Es hatte nur keinen Namen. Es war nur eine Sehnsucht.

Heute weiß ich, welchen Zustand ich erreichen will. Was Sinn und Glück für mich bedeutet und sowohl Sinn, Glück und auch Belohnung liegt für mich in der Tätigkeit selbst und nicht in irgendwas, was außerhalb statt findet. Ich kann diese Assoziation auch gar nicht ziehen. Darum erlebe ich auch keine Ziefriedenheit, wenn ich eine für mich schwierige und unliebsame Aufgabe erledige. Daher entspanne ich mich nicht danach und bin auch nicht stolz auf mich. Denn ich kann diese Zufriedenheit, diesen Stolz auf mich, nur aus dem Moment selbst ziehen. Ich kann ihn nicht auf später verschieben.

Das Glück liegt im Flow

Ich habe immer schon sehr gerne gelernt und auch heute noch empfinde ich Bildung als das mir allerhöchste Gut. Solange ich mich nur bilden kann, bin ich glücklich. In der Uni, wie auch auf der Schule, war mir Bildung aber stark erschwert. Die Bedingungen stimmten nicht und so konnte ich aus der Bildung selbst kein Glücksempfinden ziehen. Ich konnte das nicht, weil mir der Flow verwehrt blieb. Es war zu laut, zu hell, zu verwirrend, die sozialen Anforderungen zu hoch und scheinbar niemand schien zur Schule zu gehen, um zu lernen. Alle schienen dort etwas anderes zu tun. Das war eine hochtraumatische Erfahrung für mich. Ich durfte auch nicht mein Tempo gehen. Ich wurde immer wieder gebremst, zum warten aufgefordert. Intellektuell war ich völlig unterfordert. Von meiner Umgebung völlig überfordert.

Dies alles verwehrte mir den Flow und so wurde Schule zu einem Ort, der zwar alles beinhaltete, was mich glücklich machte, aber auch gleichzeitig alles dafür tat, damit ich nicht daran teilhaben konnte. Ich wollte unbedingt lernen, aber ich durfte keinen Sinn in dem finden, was ich da tat, durfte meinen Flow nicht finden. Und so hielt ich nur durch und erfuhr keine Freude an dem, was ich tat. Empfand es als sinnlos, was ich da tat. Meine niedrige Frustrationstoleranzgrenze ist also eng verwoben mit meinem Flowempfinden. Ich bin frustriert, wenn ich nicht in meinen Flow finden darf. Natürlich bin ich das. Mir wird mein Glück verwehrt. Wer wäre denn nicht bis zur Unendlichkeit frustriert? Es ist am Ende so, wie das Bild mit dem Geldschein an der Angel. Immer wenn man kurz davor ist, den Geldschein zu packen, wird er weg gezogen. Und nach dem fünften Mal bist du einfach unendlich frustriert und wendest dich ab. So habe ich Schule und Uni empfunden.

Die Angst besiegen und den Flow verteidigen

Problematisch war vor allen Dingen, dass ich damals nicht wusste, was mein Flowempfinden beeinträchtigt. Das es vor allen Dingen durch Lautstärke, Emotionen, Helligkeit, Veränderungen, Gerüche beeinflußt werden kann. Früher war ich davon abhängig, aus Unwissenheit heraus, das mein Umfeld mir die Bedingungen schafft, die ich benötige, um meinen Flow zu finden. Was es nicht tat. Heute hingegen weiß ich selbst, welche Bedingungen ich benötige und kann mir diese auch schaffen. Und wenn dies nur bedeutet, dass ich meine Sachen nehme und mir einen anderen Raum suche. Darum ist es so unendlich wichtig, dass sich jeder über sich selbst bewusst wird, dass sich jeder selbst sehen lernt. Als Kind ist man dem so hilflos ausgeliefert. Viele lernen das dann und erfahren nie, wie es ist, für sich selbst bestimmen zu können. Darum war die Diagnose so wichtig für mich, denn sie half mir dabei, für mich selbst bestimmen zu können. Mir selbst helfen zu können. Mir selbst geben zu können, was ich brauche, um glücklich zu sein!

Advertisements

3 responses to “Schritt Neun

  • Forscher

    Du sprichst mir aus der Seele. Und beschreibst zugleich mein größtes Problem. In der Schulzeit war auch ich immer jemand, der gerne gelernt hat. Ich hab mir oft die Mühe gemacht, zweifache Abschriften anzufertigen, um den Lernstoff richtig einprägen zu können. Viel Aufwand. Ein Genie war ich trotzdem nicht. Zu viel Ablenkung. In der Unizeit ging ich naiverweise davon aus, dass alle so verrückt nach dem Fach sind wie ich, und war geschockt bis entsetzt, dass es kaum jemand war. Sie konnten meine Begeisterung nicht nachvollziehen. Ich war oft alleine, hielt Monologe über mein Spezialinteresse und bemerkte nicht, dass es die anderen nicht interessierte, bis es mir jemand ins Gesicht sagte. „Das interessiert uns jetzt nicht.“ Anderen gegenüber erschien ich arrogant, weil ich an ihren Motiven zweifelte, dieses Fach zu studieren. Ich dachte, man müsse schon davor dafür begeistert sein. Dass Begeisterung auch während des Studiums kommen kann, kam mir nicht in den Sinn. Mit jeder Station im Leben wurde ich aufs Neue damit konfrontiert, dass es einen anderen Sinn im Leben kann, als die Erfüllung in der Arbeit, im Flow des Spezialinteresses zu suchen. Dass Familie gründen, Weltreise finanzieren und Karriere machen auch dazu zählt. Dass die Arbeit ein netter Brotjob sein kann, aber soziale Kontakte doch viel wichtiger sind. Ich gehöre auch zu denen, die im Flow zufrieden sind. Die im Prozess Entspannung finden. Und wenn dieser Prozess von außen torpediert wird, laufe ich wortwörtlich unrund.

  • Frau Anders

    Hach, ich lese immer total gerne solche Dinge von dir, das hilft mir auch sehr bei meiner eigenen Selbstreflexion. Auch ich erkenne mich durchaus darin wieder. Es ist mir auch heute noch ein Greuel Dinge zu tun die mir keinen Spaß machen und ich könnte niemals einen Beruf haben der mich nicht immer wieder neu faszinieren kann. Allerdings ist es mir aus irgendeinem Grund in der Vergangenheit immer halbwegs gelungen recht schnell Spaß in doofen Dingen zu finden wo manchmal zunächst keiner zu erkennen war. Es ist so eine Art bewußtes und gezieltes Suchen unter der Oberfläche einer Sache. Vielleicht zu vergleichen mit damals als du mir sagtest daß dich Neurokram eigentlich nicht interessiert hatte, aber du dann in der gezielten Beschäftigung damit so viele tolle und spannende Dinge gefunden hast. Aber ohne passende Umgebungsbedingungen geht das natürlich nicht. Da ist es glaub ich wirklich sehr wichtig zu wissen was man braucht und was einen stört und ablenkt.
    Spannendes Thema…ich denk da mal in Ruhe drüber nach

  • Froschs Blog: » Shutdown

    […] habe ich vor einiger Zeit einen Text gelesen, der das Problem ganz gut wiedergibt: Schritt Neun von […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: